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Interview mit David
Veröffentlicht am 09.08.2002 von Darkangel | Aufrufe: 143
Gefunden bei www.bandsinberlin.de Interview mit David Pätsch, Schlagzeuger (Subway to Sally) am 09.08.2002 Subway to Sally Drummer David sprach mit Alexander Denk über die Inhalte der gerade in Produktion stehenden Platte, über seine Erfahrungen der Berliner Musikszene und er gab uns Tipps für Newcomerbands. Hintergrundrecherche: Katrin Blum

BiB: Ihr seid ja zur Zeit in der Plattenproduktion. Wann wird Eure neue Scheibe veröffentlicht?
David: Ja, die wird im Februar 2003 herauskommen.


BiB: Wird irgendetwas anders sein als auf den vorherigen Veröffentlichungen von Euch?
David: Wir haben natürlich Trademarks, also wir haben immer noch das Anliegen eine Eigenständigkeit zu besitzen. Sowohl in der Musik als auch in der Kultur. Wir legen keinen Wert auf Anglizismen und Slang. Wir haben ja eine Kunstsprache entwickelt, die ohne Modernismen auskommt. Und die Musik entwickelte sich aus unserer Umgebung heraus, die ja europäisch ist. Die europäische Vergangenheit ist ganz entscheidend. Wir sind umgeben von Spiritualität, von Kirche und von der Musik die da herkommt, Musik, die zurückreicht bis zur Renaissance, zur Rockmusik und zum Teil zur Choralmusik, die von Mönchen überliefert worden ist. Also die Eigenständigkeit haben wir behalten.


BiB: Gibt es denn etwas, was sich von den Alben "Herzblut" oder "Hochzeit" unterscheiden wird?
David: Wir haben gemerkt, daß wir sehr wütend geworden sind...über bestimmte Entwicklungen. Das ging interessanter Weise allen aus der Gruppe so. Wir sind enttäuscht über die Gleichgültigkeit, Menschen zu zerstören, der Zerstörung von Natur und moralischen Werten. Die ganze Gen-Debatte zum Beispiel. Aber auch die ganze Idee, Krieg zu führen. Wir sind wütend geworden auf die große Monotonie der Wirtschaft, wo es nur noch um Vermarktung geht, nur noch um Verpackungen und nicht mehr um Inhalte. Da haben wir uns gedacht, daß wir dazu nicht politisch Stellung nehmen, sondern uns in unserem Umfeld umschauen, z.B. wenn Leute ausrasten, warum sie ausrasten, warum sie sich selber wehtun, warum sie sich selber Schmerzen zufügen, also das ganze Thema Autoagression. Oder die große Frage, warum gibt es soviele Leute, die uns gut finden, die die Gothic-Szene gut finden. Wo werden die ganzen jungen Menschen hingehen, die Ihre Spiritualität nicht in der Kirche zelibrieren, sondern sich vor die Bühne stellen und dort Ihre Messe führen. Darüber haben wir uns Gedanken gemacht, über das, was die Leute bewegt.


BiB: Das wird sich auch in Euren Texten niederlegen?
David: Genau, das wird auch in unseren Texten festgehalten. Wir haben sehr viele kriegerische Themen, weil wir den Eindruck haben, daß noch nie soviel über Krieg geredet und Krieg gemacht wurde wie bisher. Seit dem zweiten Weltkrieg gibt es ja so viel Kriege wie noch nie auf der Welt. Dann gibt es aber auch ein Menge Verbrechen gegen Jugendliche, Jugendliche gegen Jugendliche, Gewaltverbrechen, Verwaltigungen, Kinderficker. Die ganze Sparte der Gewaltverbrechen, die Großkonzerne begehen, nur aufgrund von Ölpipelines. Diese Dinge sind uns aufgestossen und wir sind da sehr aggressiv geworden und haben überlegt: wohin mit dieser Kraft. Wir haben unseren Ausweg gefunden, weil wir Ideale haben, weil wir das Leben anders wertschätzen als eben diese Menschen, die Kinderficker oder Vergewaltiger. Wir reden darüber, wie man mit diesen Mensche umgehen kann. Z. Bsp. die Vorstellung einer Todesstrafe. Wir haben ausführlich diskutiert und dazu Texte geschrieben. Es geht sehr viel um Tabu-Themen, weil wir glauben, daß diese wahnsinnige Freiheit, nach der alle suchen, so wenig Menschen damit klar kommen. Das wird das Thema dieses Jahrtausends.


BiB: Abgesehen von Euren Texten. Habt Ihr musikalisch noch Visionen?
David: Die Vision ist, daß wir eine der wenigen Bands sind, die sich auf geschichtliche Wurzeln beziehen. Wir sind die Erfinder dieses Ziels. Ich sag das deswegen so eingeschränkt, daß wir die Erfinder sind, weil es in der Art vorher noch nicht gemacht worden ist, also zumindestens mit dieser Konsequenz. Wir benutzen die Melodien und sehen uns die Ursprünge an.


BiB: Habt Ihr Nachahmer?
David: Ja, aber ich sage nicht Nachahmer, es sind einfach Leute, die das gut finden und das selber interpretieren.


BiB: Eric spielt beim Soloprojekt von Nik Page in einem Stück mit. Wird es bei Euch in Zukunft auch zu ähnlichen Projekten kommen, bzw. spielt Ihr mit anderen Musikern die Platte ein oder fabriziert Ihr die Songs lieber alleine?
David: Wir haben ja schon immer mit Gastmusikern gespielt. Das sind aber Dinge, die so produziert worden sind, daß es fast keiner merkt. Wir stellen das auch nicht in den Vordergrund, weil für uns die Musik im Vordergrund steht und nicht die Personen, die daran beteiligt sind. Das ist das, was mich an der Entwicklung stört: Die Personifizierung, die Glorifizierung, die nichts mehr mit Inhalten zu tun hat. Eigentlich ist es doch unwichtig, wer das ist. Es ist wichtig, was dieser Name verkörpert.


BiB: Spielt Berlin für Eure musikalische Karriere eine besondere Rolle?
David: Also ich bin ja der einzige "richtige" Berliner in der Band. Ich bin im damaligen West-Berlin geboren und habe in dieser "Mauerstadt" bestimmte musikalische Entwicklungen hautnah mitbekommen. Mein Vater hat damals in einer Wohngemeinschaft, "Lokomotive Kreuzberg", gelebt. Es entwickelte sich die Nina Hagen Band und dann Spliff. Was dort entstanden ist, aus dieser Keimzelle, und was später in die Neue Deutsche Welle gepresst worden ist, das habe ich miterlebt. Interessant waren für mich die Zeiten, wo Bands wie Ideal oder Interzone aufgetreten sind, wo in deutscher Sprache Texte gesungen wurden, die absolut eigenständig waren und die vorher nie so da waren. Ich rede also nicht von den Hubert Kah-Dingern und "Hurra, die Schule brennt", das war nur Kommerz. Es war aber eine Aufbrichstimmung, von der die Musik heute noch lebt. Also, wenn man sich Bands wie Oophm anguckt, finde ich es faszinierend, weil sie einen Weg eingeschlagen sind, den sie selber kreiert haben. Für mich sind die Entwicklungen in Berlin sehr stark mit den 80ern verknüpft, mit der, in Anführungsstrichen, Neuen Deutschen Welle und zur gleichen Zeit andere Acts ausserhalb Berlins wie Iron Maiden. Das war diese Zweigleisigkeit, in der ich mich bewegt habe. Insofern ist Berlin für mich interessant und prägend gewesen.


BiB. Was hat sich in der Hauptstadt, speziell nach dem Mauerfall, musikalisch verändert? Auch in Hinsicht auf das Musikbusiness.
David: Das Musikbusiness interessiert mich nicht. Was mich interessiert, ist, daß andere Inhalte hinzugekommen sind, andere Verpackungen und das "Spiel mit dem Feuer". Zum Inhalt: Es sind damals aus der Ex-DDR Musiker dazu gekommen die sich anders verhalten haben, weil sie sich anders verhalten mussten. Sie konnten Ihre Lieder nicht auf der Zunge tragen, sondern haben sie in ihrem Herzen verschlossen. Die Sprache war ja schon völlig komisch im Osten...technokratisch. Sie mussten gucken, daß sie anderen Leuten nicht auf die Füsse treten. Das Spiel mit dem Feuer: wenn man sich die Rammis (Rammstein, Red.) anguckt, die durch Videos zum Kaufen der Songs anregt. Und diese Phase der Sadomaso-Sache war im Westen überhaupt nicht mehr hip. Und im Osten war es plötzlich in, das war die nächste Stufe der dortigen sexuellen Befreiung. All diese Dinge sind durch den Osten hochgeschraubt worden, ein Verdienst von ostdeutschen Musikern.


BiB: Würdet Ihr mit Subway to Sally noch einmal anders anfangen, wenn Ihr könntet?
David: Das weiss ich nicht. Das ist Spekulation. Die Vergangenheit einer Band ist für mich nicht erheblich. Darüber habe ich nie nachgedacht.


BiB: Könntest Du einer jungen Newcomerband, die gerade aus dem Übungskeller entsprungen ist, etwas auf den Weg geben?
David: Diese Frage hat man mir schon öfter gestellt und konnte sie erst nicht beantworten, weil ich auch niemanden unfragt Tips geben wollte. Ich glaube aber das wichtigste ist, daß man sich fragt: Warum? Man sollte sich hinterfragen, warum könnte unsere Musik von Interesse sein, warum sollte jemand zu einem Auftritt kommen und warum sollte jemand, wenn es dann soweit ist, meine Platte kaufen. Was bewegt Menschen dazu, sich mit Gedanken anderer Menschen zu umgeben. Das geht soweit, daß, wenn ich aus dem Haus gehe und mir die Fingernägel schwarz lackiere, mich bewußt oder unbewußt in eine bestimmte Gruppe oder Idee begebe. Nicht umsonst sagt man ja bei den Heavy-Metal-Leuten, daß sie lange Haare tragen, Nu Metal Anhänger haben eine bestimmte Art, Klamotten zu tragen und das ist wieder eine ganz andere "Hose", als jemand, der vielleicht Retro-Rock macht. Es ist nicht zu unterschätzen, wie Leute darauf reagieren, wie man sich auf der Bühne präsentiert. Man sollte sich immer wieder fragen, was der was der eigentliche Antrieb ist. Warum bin ich so wie ich bin. Das heißt, jegliche Art von Kostümierung, die nicht dem des Menschen selber entspricht, ist eine Karrikatur. Das authentische muss als erstes in den Vordergrund gestellt werden. Dann ist man auch glaubwürdig.


BiB: Was meinst Du warum solche Konzepte, wie es früher der Franz Klub (365 Live-Konzerte im Jahr) hatte, nicht mehr durchzusetzen sind. Hat sich die Szene wirklich immer mehr zum Kommerz entwickelt?
David: Ich habe Musiker gesprochen, die zwanzig Jahre älter sind als ich, die gesagt haben, daß in den 70ern kein Geld mit Live-Musik zu verdienen war. Und in den 80ern wurde wieder Live-Musik gemacht. In den 90ern gabs wieder Probleme, alles wurde programmiert und im Studio zurecht gerückt. Es wurde viel mit dem Mac gemacht. Jetzt kommen wieder Bestrebungen aus allen Ländern, den Musiker in den Vordergrund zu stellen. Stichwort Dreamtheater oder andere. Es gibt immer parallele Entwicklungen, nichts kann man pauschalisieren. Es gibt bestimmte Fehlentwicklungen, die durch die Industrie gesteuert werden, dort geht es um Markennamen, und wenn man diesen meist teuer erkauften Namen hat, stellt man etwas dar. Das ist meine Kritik.


BiB: Am 30.12. spielt Ihr, wie jedes Jahr, im Lindenpark Potsdam. Hat dieser GiG eine besonderen Stellenwert für Euch, denn es ist ja schon fast Tradition?
David: Nein, auf gar keinen Fall. Wir überlegen uns jedesmal, ob wir dort spielen oder nicht, Tradition bedeutet für uns Stillstand. Das ist also kein Selbstläufer, denn wir wollen uns auch selber fordern. Wir sind keine Institution, wir sind keine Menschen mit dem Motto "Same procedure...". Es kotzt mich an, immer das gleiche zu machen, da würde ich dran sterben. Hintergrundrecherche: Katrin Blum Interview: Alexander Denk

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