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Herzblut“ haben SUBWAY TO SALLY ihr nunmehr sechstes Studioalbum genannt
- und damit den Nagel auf den Kopf getroffen. Kaum eine zweite Band
geht nämlich mit soviel Leidenschaft und Detailverliebtheit zu Werke –
sei es beim Komponieren der Songs, beim Verfassen der Texte, beim
Austüfteln des Konzepts, im Studio, auf der Bühne oder sogar bei den
Interviews.
Mit Sänger Eric Fish, Texter Bodenski und Hauptkomponist Ingo Hampf
stellten sich gleich drei Bandmitglieder unseren Fragen. Im Gegensatz zu
vielen anderen Musikern, die Interviews als lästige Pflicht empfinden,
macht es den drei Potsdamern sichtlich Spaß, über ihre neuen Songs zu
sprechen und über das Drumherum Auskunft zu geben. Kein Wunder, denn auf
„Herzblut“ können SUBWAY TO SALLY verdammt stolz sein. Schließlich
haben sie nicht nur das hohe Niveau des Vorgängers „Hochzeit“ gehalten,
sondern es auch geschafft, ihr ohnehin schon beachtliches Spektrum noch
zu erweitern.
Zunächst einmal fällt die neue Optik ins Auge. Band und Coverartwork
präsentieren sich in unschuldigem Weiß, das die Rose bzw. Frau Schmidt
um so blutroter erscheinen lässt. Was steckt hinter dem prägnanten Titel
und dem außergewöhnlichen, ästhetischen Artwork und Outfit?
»Ingo schlug vor, unsere neue Scheibe „Herzblut“ zu nennen, und ich
fand spontan, dass das ja wohl gar nicht geht«, gesteht Bodenski seine
anfängliche Skepsis. »Nachdem ich eine Nacht darüber geschlafen hatte,
dachte ich mir dann jedoch: „Warum eigentlich nicht?“ Mir gingen nach
und nach die Argumente aus. Das Wort charakterisiert die Band gut und
lieferte zudem gute Ideen für eine graphische Umsetzung. Ursprünglich
wollten wir ein blutbeflecktes Bettlaken abbilden, doch das haben wir
wegen der Deflorations- bzw. Entjungferungs-Assoziation wieder
verworfen. Daraufhin kam Frau Schmidt mit der Idee des Rosenblattes an,
und wir waren sofort begeistert. Das dominierende Weiß haben wir bewusst
als Gegenpol zum in der Metal- und Gothic-Szene vorherrschenden Schwarz
gewählt. Wir freuen uns schon auf die Stories und Anzeigen in den
Magazinen...«
Das Artwork betont auch das zentrale Stück des Albums: ´Kleid aus
Rosen´. Dieses in zwei verschiedenen Versionen vertretene Juwel vereint
alle Stärken von SUBWAY TO SALLY und symbolisiert die Weiterentwicklung
der Band. Bei diesem Song arbeitete die Band nämlich erstmals mit
Programming, das Kollege Mühlmann in seinem Studioreport mit
Techno-Drumming zu beschreiben versuchte.
»Ingo wollte damit schon auf „Hochzeit“ experimentieren, aber die
meisten von uns hielten das für Teufelszeug und hatten noch zu viele
Vorbehalte«, gesteht Bodenski. »Inzwischen sind wir jedoch wesentlich
aufgeschlossener und haben ein anderes Level erreicht. Wir haben sogar
schon in der Demo-Phase mit Loops gearbeitet. Dadurch sind diese
Elemente so songdienlich und dezent eingesetzt, dass wir selbst
Technik-Muffel nicht allzu sehr verschrecken dürften; sicherheitshalber
haben wir ´Kleid aus Rosen´ aber noch mal als Akustikversion
eingespielt. Es war eine Herausforderung für uns und der nächste
logische Schritt in unserer Entwicklung. Auf Techno-Raves gehen wir
deshalb aber nicht!«
Nicht das Programming, sondern die komplizierte Grifftechnik hindert
Eric daran, diesen Song in sein Solo-Repertoire aufzunehmen, was ihn zu
einer Lobrede auf den musikalischen Kopf Ingo verleitet:
»Ich habe schon versucht, das Lied auf normale Harmonien
umzuarbeiten, aber das geht nicht. Ingo ist eine absolute Koryphäe und
hat vergessene Kompositionstechniken in langer Arbeit recherchiert und
erlernt. Wenn er wollte, könnte er an Hochschulen dozieren.«
»Die Harmonien kommen nicht aus dem normalen Gitarrenfundus, sondern
sind nach der Lehre der Kontrapunktion geschrieben worden, einer
Tontechnik aus dem 15. Jahrhundert, die nur noch von ein paar Spinnern
wie mir praktiziert wird«, erklärt der stets bescheiden auftretende
Prof. Dr. Hampf. »Sie ist der Ursprung der mehrstimmigen Musik und hat
strenge Regeln, die extrem diffizil sind. Ich habe sie teilweise
allerdings nach eigenem Gutdünken etwas abgeändert, so dass Johann
Sebastian Bach mich dafür wahrscheinlich tadeln würde. Aber schließlich
will ich nicht in der Vergangenheit schwelgen, sondern diese alte Kunst
dazu nutzen, um mit modernen technischen Mitteln Musik für heute zu
schreiben. Deshalb greifen wir inzwischen nicht mehr auf traditionelles
Liedgut zurück; auch ´Accingite Vos´ ist eine hundertprozentige
Eigenkomposition, obwohl es altertümlich klingt. Bei uns gibt es immer
mehrere Ebenen, die sich im ersten Augenblick gar nicht alle
erschließen. Die Songs wirken zunächst ganz simpel, doch je mehr man
hinhört, desto mehr Details entdeckt man – alles ist sehr durchdacht,
nichts passiert zufällig.«
Als guten Tipp zum Bestaunen der ausgefeilten mehrstimmigen Passagen
nennt Bodenski den Anfang von ´Kleid aus Rosen´, bei dem die
„kanonische Imitation“ mit versetzten Anfängen und gemeinsamem Ende
besonders gut zur Geltung kommt.
Genau wie die Musik sind auch die Texte nicht so vordergründig, wie
sie auf den ersten Blick scheinen mögen. Bestes Beispiel hierfür ist
´Das Messer´, das keineswegs eine Mörderballade ist.
»Es fließt kein einziger Tropfen Blut in diesem Text«, beteuert
Bodenski. »Er behandelt das Problem, einen Menschen lieben zu wollen,
dies aber nicht zu können. Viele Leute haben große Angst davor, ihre
Gefühle zuzulassen. Deshalb singt der Chor in der zweiten Strophe: „Denn
ich bin dir schon zu nah.“ Ein Beispiel dafür sind One-Night-Stands: Du
produzierst sehr schnell eine große Nähe, die am nächsten Morgen dann
plötzlich wieder weg ist. Zurück bleibt nur Leere. Es ist eine
Gratwanderung zwischen Liebe und Zerstörung; zwischen die
Schulterblätter des Menschen neben dir im Bett passt genausogut ein Kuss
wie ein Messer.«
Im Vergleich zu früher, als die Band eher die Position eines
neutralen Erzählers einnahm, sind die Texte von „Herzblut“ wesentlich
emotionaler - ´Krötenliebe´ thematisiert beispielsweise Leidenschaft bis
zur Selbstaufgabe. Bodenski stimmt dieser Einschätzung nachdrücklich
zu, will aber zu weiteren Texten keine Stellung nehmen, um die
zahlreichen Interpretationsmöglichkeiten nicht unnötig einzuschränken.
Auch wenn es einem bei weitem noch nicht so lange vorkommt: SUBWAY
TO SALLY feiern 2002 ihr zehnjähriges Jubiläum. Davon will die Band
jedoch nichts wissen, obwohl Eric erst gestern wieder von der
Vergangenheit eingeholt wurde:
»Eine Frau legte mir zum Signieren einen alten Konzert-Zettel –
Flyer wäre schon zuviel gesagt – vor, der mit Filzstift geschrieben war
und unseren Gig für sechs Mark in irgendeiner Klitsche in Korschenbroich
ankündigte. Das war schon seltsam. Dennoch fühlen wir uns alles andere
als alt, weswegen wir auch keinen Bock auf ein Jubiläumskonzert oder
eine Feier zum Zehnjährigen haben. Dann würden wir uns wie Altrocker
vorkommen.«
Auch wenn solch ein Ereignis eine feine Sache für die Fans wäre, ist
die Entscheidung verständlich, denn im Kreise von Thomas Gottschalk,
Peter Maffay oder den Scorpions wollen wir unsere Lieblinge schließlich
nicht sehen. Dennoch bietet sich so ein Jubiläum natürlich dazu an,
Bilanz zu ziehen. Sind SUBWAY TO SALLY zufrieden mit dem bisher
Erreichten?
»Das ist eine zweischneidige Sache«, holt Bodenski weit aus.
»Einerseits danken wir Gott auf Knien, dass wir bei einer tollen
Plattenfirma sind, von der Presse gebauchpinselt werden und viele treue
Fans haben, andererseits geht es immer besser. Ich kenne keinen Musiker,
der wunschlos glücklich ist. Als wir angefangen haben, war unser Traum,
mal einen Club auszuverkaufen. Das haben wir geschafft. Heute spielen
wir in mittelgroßen Hallen, doch mit den Erfolgen wachsen natürlich auch
die Ansprüche. Deswegen träumen wir jetzt davon, mal ein Stadion füllen
zu können. Welche Band will das nicht? Die Frage ist halt nur, wie
viele Kompromisse man dafür eingeht – und da heißt die Antwort bei uns
ganz klar: keine! Wir sind sehr stolz auf unsere bisherigen Alben und
auf „Herzblut“ im Besonderen, so dass wir mit unserer Musik und unseren
Texten so viele Leute wie möglich erreichen wollen. Unter diesem Aspekt
ist es sehr schade, dass wir sowohl von MTV als auch von VIVA so
gnadenlos abgeblockt werden. Bei beiden Musiksendern hat man uns zu
verstehen gegeben, dass ein Videoclip von uns keine Chance hätte,
gespielt zu werden. Dabei bin ich sicher, dass viele die Schnauze voll
von dieser berechenbaren Retortenmusik haben, die den ganzen Tag dort
läuft. Gründe nannte man uns keine. Vielleicht haben wir mit unseren
mittelalterlichen Einflüssen das falsche Image für die multimedialen
Kids der werberelevanten Zielgruppe...«
Entmutigen lassen sich die tapferen Sieben davon jedoch nicht. Bevor
wegen dieses berechtigten Ärgernisses schlechte Stimmung aufkommt,
plaudert Eric aus dem Nähkästchen und gibt zahlreiche Tour-Anekdoten zum
Besten.
»Wie viele wahrscheinlich wissen, gibt es die alte Tradition, dass
sich am letzten Tag der Tour die Support-Band und der Headliner
gegenseitig Streiche spielen. Als ich bei der Ballade ´Maria´ mein
Innerstes nach außen kehrte und voller Inbrunst sang, hörte ich statt
meiner Stimme nur ein gestöhntes „Oh Eric, du bist so geil!“. Der
Monitor-Mischer (die Person, die für den Sound auf der Bühne zuständig
ist) hatte den Ton von meiner Box genommen und stattdessen in sein
Mischpult-Mikro gesprochen. Zum Glück konnte ich mich noch halbwegs
beherrschen, denn außer mir hat das natürlich keiner mitbekommen, so
dass ich mit einem plötzlichen Lachkrampf ziemlich dämlich dagestanden
hätte.
Eine harte Probe musste ich auch bestehen, als wir zusammen mit den
Merlons tourten. Ich stand schon die ganze Zeit über total auf ihre
Sängerin und Flötistin Antje – eine absolute Augenweide. Bei der letzten
Show in der Stuttgarter Röhre kam sie bei ´Syrah´ plötzlich auf die
Bühne und übernahm den Frauengesang. Dabei umtanzte sie mich betont
lasziv und rieb sich an mir auf und ab, so dass ich mächtig ins
Schwitzen kam – das war echt `n Hammer!
Lustig war auch unser letzter Tourabschluss. Wir haben auf der
zweiten Etappe der „Hochzeit“-Tour bei ´Henkersbraut´ jeden Abend einen
riesigen Teddybär geschlachtet. Am letzten Abend erwachte er danach
jedoch zu neuem Leben und kam plötzlich zurückgerannt, um sich an uns zu
rächen! Des Rätsels Lösung: Unsere zierliche Backlinerin hat am
Bühnenrand schnell das ganze Futter aus dem Teddy rausgewühlt und ist
selber in das Fell geschlüpft. Was für ein Gag!
Ein Song abbrechen mussten wir jedoch erst ein einziges Mal: Vor
einigen Jahren war es bei einem Gig in Erfurt saukalt, und wir haben uns
zum Aufwärmen eine hochprozentige Bohle gemacht. (Geiler Tippfehler,
Schleuti! - Red.) Die hat mir so gut geschmeckt, dass ich schon vor der
Show etliche Gläser getrunken habe. Als das Intro anfing, habe ich mir
noch schnell zwei große Becher gefüllt und bin dann auf die Bühne
gehetzt. Genau in dem Moment, als mein Spot anging, bin ich über die
letzte Stufe gestolpert und habe mich mit der Bohle in beiden Händen der
Länge nach hingelegt. (Potztausend! Hast du in letzter Zeit zu viele
hochprozentige Dieter Bohlen-Bootlegs gehört? - Red.) Alle haben sich
natürlich krank gelacht, und ich sang nur noch „Es kommt ein
Stu-hu-hu-hu-hu-hu-rm“.«
Seitdem trinkt Eric kaum noch was auf Tour...
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