Nachdem SUBWAY TO SALLY von 1998 bis 2001 jedes Jahr ein Album
veröffentlichten, ließen sie sich für die neue CD „Engelskrieger” etwas
mehr Zeit. Neben den zahlreichen Live-Aktivitäten gibt es dafür auch
einen anderen Grund. Die Potsdamer haben nämlich sowohl musikalisch als
auch textlich eine erhebliche Kurskorrektur vorgenommen.
Gitarrist Ingo Hampf erkennt man im Kölner Studio 301, wo der Mix
über die Bühne geht und die Band mit Ausnahme von Frau Schmitt komplett
anwesend ist, kaum wieder. Der musikalische Kopf von SUBWAY TO SALLY hat
seine schwarze Mähne nicht nur gegen eine modische Kurzhaarfrisur
eingetauscht, sondern sich seine Haare auch noch hell blondiert. Wenn
das mal nicht wieder die Leserbriefschreiber auf den Plan ruft, die der
Band vor einiger Zeit die Freundschaft aufkündigten, nur weil sich
Sänger Eric Fish von seiner Matte verabschiedet hatte...
»Wir waren zuletzt alle irgendwie unzufrieden«, gesteht Drummer
David ungeachtet der starken letzten Scheibe “Herzblut”. »Also setzten
wir uns zusammen, und jeder kotzte sich aus. Wir sammelten alle
Änderungswünsche und merkten dabei schnell, dass diese sich ziemlich
ähneln. Nun waren wir zwar eh noch nie eine reine Mittelalter-Band und
haben auch bisher schon versucht, in unseren Texten einen aktuellen
Bezug herzustellen, aber die offene Art ließ viele Interpretationen zu,
die beispielsweise bei ´Das Messer´ von einem Liebeslied bis zu einer
glorifizierenden Mord-Darstellung reichten. Deswegen sind die neuen
Lyrics etwas konkreter und behandeln Themen, die uns allen am Herzen
liegen.«
Zum besseren Verständnis hat die Band extra eine Info-Mappe
angefertigt, in der jedem Text eine Zeitungsmeldung zugeordnet ist, die
weitere Aufschlüsse über die Hintergründe gibt. Leider sind sich die
Musiker noch nicht ganz einig, ob diese Artikel auch den Weg ins
CD-Booklet finden werden. Das der ersten Single ´Falscher Heiland´
(grooviger Riff-Rocker mit bombastischem Mitgröl-Chorus) zugeordnete
Zitat eines Politologen stellt einen Bezug zur aktuellen
Wahlbetrug-Debatte her:
»Seit Jahrhunderten verspricht man den Menschen das Blaue vom Himmel
herunter oder den Himmel selbst, wenn man sie vereinnahmen will. Man
darf nicht jedes Wort im Wahlkampf auf die Goldwaage legen.«
Andere Themen, die im nächsten Rock-Hard-Interview intensiver
beleuchtet werden, sind u.a. Amokläufe, AIDS, Sterbehilfe, ausgearteter
Körperkult und die Probleme, die das Aufeinanderprallen
unterschiedlicher Kulturen mit sich bringt.
Nicht weniger bedeutend sind die musikalischen Einschnitte, die die
Band vollzogen hat. Voller Spannung verfolgen die Subways, wie die
Journalisten und Label-Leute das Ergebnis der gut dreimonatigen
Studioarbeit aufnehmen. Als es nach der Listening-Session stürmischen
Beifall und gar Zugabeforderungen gibt, sind sie sichtlich erleichtert.
Der Mut der Band hat sich ausgezahlt, denn die neuen Songs sind fast
ausnahmslos Volltreffer, die deutlich riffbetonter, metallischer,
straighter und sparsamer instrumentiert als bisher ausfallen. Nach
Drehleier oder Laute sucht man vergebens. Die Mittelalter-Bezüge
manifestieren sich fast nur noch in der typischen Melodieführung und im
Gesang von Eric, der seine Stimme allerdings wesentlich
abwechslungsreicher als bisher einsetzt. Dennoch erkennt man zu jeder
Sekunde, welche Band hier aufspielt, da u.a. mit dem gekonnt
ausgearbeiteten Kanon des Refrains von ´Unsterblich´ oder den
Geigen-Breaks wichtige Trademarks erhalten geblieben sind. Im Gegenzug
dominieren die Gitarren wesentlich mehr. Mit Ausnahme des
Spieluhr-Schlafsongs ´Abendlied´ baut jedes Stück (selbst die
Halbballade ´Verloren´) auf mitreißenden Riffs auf, die auch Rammstein
gut zu Gesicht stehen würden. ´Abendland´, ´Geist des Kriegers´ und
´Falscher Heiland´ grooven zudem wie die Hölle. Völlig neu, jedoch eher
als schmückendes Beiwerk ohne große Relevanz gibt es überdies einige
elektronische Spielereien sowie überraschend experimentelle
Gitarren-Soli (´Narben´).
Fazit: SUBWAY TO SALLY haben einen sehr großen Entwicklungsschritt
gemacht, ohne dabei ihre eigene Geschichte zu verleugnen. Mit diesem
packenden, am 3. März erscheinenden Album dürften sie sowohl die alte
Stammkundschaft bestens bedienen als auch neue Fans erreichen.
Marcus Schleutermann
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