Bewaffnet mit Reisetasche und Fotokoffer, lümmelt Mühlmann im Zugabteil.
Die Sonne strahlt, und die Kopfhörer des Discman senden die frohe
Botschaft: „Noch bevor der Morgen graut, küßt der Bräutigam die Braut“.
Noch nie hat sich Mühli so sehr auf einen Auftrag des Herrn (Kühnemund)
gefreut wie auf die Tour mit SUBWAY TO SALLY...
Fischvergiftung ahoi!
Urlaubsatmosphäre im Hinterhof des Osnabrücker Works, einer
Mischung aus Schrebergarten-Idylle und Mülldeponie. Die Subways sitzen
in Campingstühlen und haschen sonnenhungrig nach Pigmenten. Gitarrist
Ingo spielt auf seiner Laute, Violinistin Frau Schmitt schmökert in
einem 800-Seiten-Wälzer, und drinnen entsteht auf einer nicht
vorhandenen Bühne so etwas wie eine Bühne. So müssen beispielsweise
Tische für das Schlagzeugpodest herhalten.
Eigentlich ist das Works eine Disse und dementsprechend
„geschmackvoll“ eingerichtet. Hinter der Bühne finden wir die Skyline
von Manhattan an die Wand gepinselt, ägyptische Gottheiten zieren andere
Wände; und direkt neben der Theke steht ein verwildertes Aquarium,
dessen Fische im Laufe der Zeit sicherlich durch unzählige
Zigarettenstummel und Schnapsreste zu Drogenabhängigen mutiert sind.
Aha, daher stammt also das Wort „Fischvergiftung“...
In der Zwischenzeit tauchen Sänger Eric und Gitarrist Bodenski auf
und berichten von einem wahren Triumphzug: »Leipzig! 900 Leute! War voll
geil! Fulda war auch unglaublich! Und die Essener Zeche Carl war
bereits im Vorfeld ausverkauft.« Bei einem der Konzerte erlebte Bodenski
allerdings eine Panne während der Feuerspuck-Einlage und verbrannte
sich derbe die Hand – unglaublich, daß er dennoch Abend für Abend auf
die Flammen nicht verzichten will.
Unterdessen liebäugeln Schlagzeuger David und Klampfer Ingo während
des Soundchecks mit einer Karriere als Sänger. Sie kleistern den Saal
mit einer fürchterbaren Version von ´Sanctus´ zu, die eher an eine
Mischung aus erzgebirgischen Weihnachtsliedern und Schlafes Bruder
erinnert.
Wenig später ist der Club pickepackevoll, und SUBWAY TO SALLY
beeindrucken von der ersten Sekunde an. Ein mystisches Intro donnert aus
den Boxen, und die Band steigt mit ´Böses Erwachen´, dem Opener des
aktuellen Albums „Hochzeit“, in ihre Show ein.
Früher hieß es einmal, daß ausschließlich die Fans der Böhsen Onkelz
alle, aber wirklich alle Texte ihrer Lieblinge lauthals mitsingen.
Diejenigen, die das behaupten, sollten sich schleunigst mal ein Konzert
der Potsdamer anschauen. Nach einem wahren Hitparadenblock (ein Medley
aus den Knallern ´Die Ratten´, ´Sag dem Teufel´ und ´Zu spät´, gefolgt
von ´Ohne Liebe´, und ´Henkersbraut´) kündigt Sänger Eric mit den Worten
»Wir wollen uns mit euch vermählen!« ein besonderes Zeremoniell an und
geleitet die einen Hochzeitsstrauß tragende Violinistin an den
Bühnenrand. »Willst du, Frau Schmitt, deinem Publikum in guten wie in
schlechten Zeiten auf ewig die Treue halten? So antworte mit: Ja, ich
will.« Frau Schmitt will. Das Publikum will erst recht und hebt zu einem
ohrenbetäubenden Lärm an. Zum Lohn erhält die Menge den Brautstrauß –
und einen weiteren Hit: ´Liebeszauber´.
Nach zwei Stunden sind alle erschöpft, aber glücklich. Und während
die Crew wieder Knochenarbeit leisten muß, zappeln einige Unermüdliche
auf der Tanzfläche zu Monster Magnet, Lenny Krawitz und Co. ab.
Das in der Musikwelt weit verbreitete
„Tour-Party-Komasaufen-Klischee“ ist im Grunde genommen Unsinn.
Zumindest bei SUBWAY TO SALLY. Wenn 15 Menschen mit unterschiedlichen
Charakteren, Interessen und Aufgaben mehrere Wochen lang einen
Nightliner als gemeinsames Zuhause teilen, ist es vor allem
Rücksichtnahme, Toleranz und ein Grundmaß an Selbstdisziplin, das jeder
verinnerlichen muß. Eric zum Beispiel ist einem Gläschen Alkohol und
einer Feierabendkippe grundsätzlich alles andere als abgeneigt. Und
trotzdem hält er zu diesen Vergnügungen gehörigen Sicherheitsabstand,
denn die Klarheit und Kraft seiner Stimme geht über alles. Der blonde
Frontmann verabschiedet sich unmittelbar nach der Abfahrt in seine
Schlafkoje, während wir noch lecker Pils naschen. Und so plaudere ich
mit den Gitarristen Simon und Bodenski und dem Bassisten Sugar Ray, von
dem ich immer gedacht hatte, er sei ein schweigsamer, fast schon
schüchterner Typ. So ein Quatsch. Als wir über die Situation im Kosovo
diskutieren, redet sich Sugar Ray beinahe in Rage.
So langsam spüre ich das sagenhafte familäre Feeling innerhalb der
Band. Können diese Menschen überhaupt glücklich sein, ohne sich zu
sehen? »Na, priemstens!«, versichert Bodenski. Und wie priemstens das
ist, soll ich morgen erleben...
Tahaxi zum Otto-Katalog
Chemnitz, Day-off. Simon und David haben heute Besuch von ihren
Frauen und sind flugs von der Bildfläche verschwunden. Eric
verbarrikadiert sich in seinem Hotelzimmer, und Frau Schmitt besucht
eine Freundin, die in der Nähe wohnt. Sachsen wartet mit tollstem
Frühlingswetter auf, so daß ich ganz schnell die Flucht aus dem
Hotelzimmer antrete. Wer Karl-Marx-Stadt, ähm, Chemnitz kennt, weiß, daß
diese Stadt alles andere als ein architektonisches Kleinod ist.
Zumindest steht uns nach einer Besichtigung des riesigen
Karl-Marx-Denkmals (die Chemnitzer nennen es den Ochsenkopf) und der
sozialistischen Betonblöcke in der Straße der Nationen nicht der Sinn.
Was bleibt, ist der wirklich hübsche Schloßteich mit seinen Wiesen und
Cafés. Hier läßt sich’s angenehm faulenzen...
Stunden später sitzen die Paare Simon und David sowie der
Schreiberknecht auf der Terrasse eines Restaurants. Wir geben uns
haltloser Völlerei hin und erzählen Schwänke aus der Jugendzeit. Während
der damalige Student Simon ein zutiefst pazifistischer und ökologisch
angehauchter Musiker mit einem schier unerschöpflichen Fundus an
Friedensliedern war, nahm das Denken seiner Frau eher aktivistische Züge
an. „Tschüß, Mutti, ich gehe zur RAF“, schrieb sie einst als
Abschiedsbrief, um dann nach Hamburg durchzubrennen.
»Joo. Unn dann gips noch änne Kneipe, die suh nen Iren und
ärgändwälschen Auslenndern gehärt«, klärt uns die Taxifahrerin über das
Nachtleben auf. Bodenski und Tourmanager Tom hören sich die Ausführungen
in breitestem Sächsisch tapfer an. Apropos Tom: Immer einen lustigen
Spruch auf Lager, wird er von einem Moment zum nächsten zum knallharten
Vollprofi, wenn es um die Interessen der Band geht. Vor ihm zittern all
jene Veranstalter, die gerne mal vergessen, daß auch Musiker ausreichend
verpflegt werden möchten. Wenn Tom sagt, um 16 Uhr müsse das Catering
im Backstage-Raum stehen, dann knallen die Veranstalter fast schon die
Hacken zusammen.
Doch heute abend versagt er: »Ich hätte gern die Nummer eines
Chemnitzer Taxi-Unternehmens«, bittet er die „11833“-Telekom-Frau.
»Welche Firma soll es denn sein?«, fragt diese zurück. Tom guckt
entgeistert. »Am besten ein Taxi, das auch wirklich kommt.« (Was hier
nicht selbstverständlich ist, wie wir wartend und frierend feststellen
müssen.) Doch die 11833-Stimme läßt nicht locker. »Sind Sie aus
Chemnitz?« Jetzt reicht es Tom: »Nahein! Wir sind nicht aus Chemnitz!
Wir stehen hier nur ruhum und wollen ein Tahaxi!«
Der hiesige Szenetreff heißt „Buschfunk“ und entpuppt sich als
Cocktailbar. Jetzt schlägt Toms wahre Stunde. Mit Kennermiene schnappt
er sich die Getränkekarte, und sein Blick rauscht über die rund hundert
aufgelisteten Cocktails. Als ob er einen Veranstaltungsplan studiert,
klammert der Manager zwei Seiten voller exotischer Getränke als
»unwichtig, da zu harmlos« aus. Etwas »mit Rum, aber fruchtig« muß es
sein. Langsam, aber sicher lösen sich unsere Zungen, und Bodenski und
ich schmettern in immer kürzeren Zeitabständen den völlig hohlen
Schlagsatz »da geht ja noch einiges in Chemnitz«. Das ist aber gelogen.
Denn ein Blick in das örtliche Veranstaltungsmagazin „Stadtstreicher“
verrät, daß wir die Qual der Wahl zwischen ganzen zwei Events haben: EBM
oder 80er-Sounds. Im „Stadtkeller“, jener Disse in einem Betonkloben im
Zentrum der Stadt, geht bald darauf gar nix mehr. Billiger
Dance-Ramsch, gestylte Mädels in Otto-Katalog-Klamotten sowie eine
Mannesmischung aus Haargel und Fitneßstudio zwingen uns zur
Kapitulation.
Ach & Hach
Chemnitz, Südbahnhof: Der Club ist mit 500 Leuten ansehnlich
gefüllt, wenn man bedenkt, daß der nächste Konzertort lediglich 40
Kilometer entfernt ist. Anfangs reagieren etliche Fans ungewohnt
schüchtern. Aber spätestens mit dem zweiten Stück des Abends,
´Mephisto´, tickt die Masse wieder aus. Als die Temperaturen auf der
Bühne subtropisch werden, entledigt sich der Frontmann seines Shirts. Da
schlägt die Stunde der Sächsinnen: »Jätze musste mol ä Foutou mochen,
für dä wäiblüschen Zuhschauär!«, schnarrt mich eine Schönheit an. Hach,
ich liebe meine Landsleute!
Heavy Mahlzeit
Obwohl es hier nur eine Kneipe, eine Kirche und drei Spitzbuben
gibt, rankt sich um Ebersbrunn ein tonnenschwerer Kult. Das Gasthaus Zum
Löwen nebst Tanzsaal existiert, seitdem ich denken kann. Seit Mitte der
80er hat sich hier gar nichts geändert – der gleiche wohlgenährte
Inhaber, noch immer die häßliche Tapete sowie die Stühle und Tische aus
finsterster DDR-Zeit, das alte Piano im Backstage-Raum, auf dessen
Tasten im Laufe der Jahre unzählige betrunkene Musiker uriniert haben,
die gleiche Speisekarte, bestehend aus Schnitzel mit Kartoffelsalat,
Schnitzel mit Spiegelei, Spiegelei mit Kartoffelsalat, Schaschlik mit
Brot oder mit Kartoffelsalat sowie Wiegebraten auf Brot mit oder ohne
Spiegelei oder mit Kartoffelsalat (Mjam! - Red.). Und draußen rennt der
rasiermesserscharfe Schäferhund des Kneipiers herum. Das bedeutet, daß
wir drin bleiben müssen, denn dieser Hund zwackt leidenschaftlich gern
Fremde in die vier Buchstaben.
Irgendwann wagen sich Eric und ich doch ins Freie, und wir wandern
zu einem Feld auf einer Anhöhe, um Erics neuem Hobby zu frönen: Drachen
steigen lassen. Der Sänger hat den Dreh mit den Drachenschnüren raus,
aber jedesmal, wenn er sie mir in die Hand gibt, stürzt das Ding sofort
ab. »Los, Wolf! Mein Sohn konnte das bereits nach fünf Minuten!« Ich
konnte es auch nach 15 Minuten noch nicht.
Offiziell ist der Gasthof bei 700 Personen ausverkauft. Heute
verwandeln 1.000 Fans (ungefähr die doppelte Einwohnerzahl von
Ebersbrunn) den Saal in eine Hitzehölle. Bereits die Vorband, Mud Slick
aus der Schweiz, sorgt für eine klasse Stimmung. Jedenfalls schütteln
die sympathischen Groove-Rocker über diesen Ort und über dieses Publikum
verständnislos, aber glücklich die Köpfe.
Die Hitze und die enorme Luftfeuchtigkeit verlangt ihren Tribut.
Unter anderem Bodenskis Gitarre, deren Elektronik verrückt spielt. Auch
die elektronische Schweißanlage gibt ihren Geist auf. Wozu auch `ne
Schweißanlage? Ganz einfach: Auf ihrer „Hochzeitsreise“ haben die
Subways diesmal keine echten Rinderschädel mitgenommen, sondern zwei
Imitationen aus Metall. Während des Stücks ´Das Opfer´ hämmern Simon und
Bodenski mit je zwei Schweißkolben im Takt auf die Schädel ein. Die
dabei entstehenden Funken sehen im Kontrast zur dunklen Bühne ziemlich
klasse aus (irgendwie super deutsche Sprachkraft - Red.).
Wenn’s aber nicht funkt? Den Fans ist’s schnurz, sie schwitzen sich
ins Delirium. Auch wenn die Subways in Ebersbrunn fünf Stunden lang
spielen würden und die Fans am Verdursten wären: Sie würden nicht
„Wasser, Wasser!“, sondern „Zugabe!“ rufen. Wetten?
Nach diesem Wahnsinn bleibt der Band nichts anderes übrig, als
ordentlich zu feiern. Was vor allem Bodenski sehr wörtlich nimmt und
sich derart einen einverhilft, daß er auf eine Vertreterin des Fanclubs
„Sallys Jünger“ nur noch in Reimen einlallt: »Junge Frau, du kicherst
sehr verwegen/ mach´ nur so weiter, dann stehst du bald im Regen.«
Teufel Alkohol...
Einem Ordnungshüter wird das alles jedoch zuviel, und so blafft er
uns an: »Jätze gäht ändlüsch ma na Hause! Örgänd wann muß ochemol Sabbat
sein.« Auf meinem Einwand, daß die traditionelle jüdische Sabbatruhe
bereits gestern beendet war, bellt er: »Kumm duuh ärstemool in mai
Altor!« Ächz...
Des Wahnsinns nackte Meute
Frankfurt, Batschkapp: Ganze 17 Tickets sind noch übrig, die
Mainmetropole ist im Subway-Fieber. Und die 800 Fans bekommen einen
erstklassigen Sound um die Ohren geblasen. Erics Dudelsack pfeift
kräftig aus den Boxen und kann in puncto Lautstärke im Duell mit Ingos
Gitarre besser mithalten als in Chemnitz und Osnabrück. Auch der Gesang
von Eric, Simon und Bodenski ist vorzüglich abgestimmt – und so wird
´Sanctus´ zu einem richtig schönen Gänsehaut-Erlebnis. Doch der nackte
Wahnsinn sind die Fans selbst. Sie lassen während des Stücks ´Die Rose
im Wasser´ etliche Rosenblüten auf Frau Schmitt regnen, und die
Violinistin, die mehr und mehr zum Publikumsliebling avanciert, lächelt
gerührt.
Apropos Publikumsliebling: Gewöhnlich schmettern die Fans unzählige
Male den Kultsong „Blut, Blut, Räuber saufen Blut“. In der Batschkapp
gesellt sich noch ein zweiter Schlachtruf hinzu: „Frau Schmitt! Frau
Schmitt!“ Als die Fiedlerin und Eric zum Vermählungsakt kommen, erhält
der Sänger erst gar nicht die Chance, sein feierliches Sprüchlein
aufzusagen: »Liebes Publikum, willst du...« - »Jaaaaaaaa!«
Bravo-Show (extra feucht)
So, und ab hier übernimmt der Bodenski das Amt des Schriftführers:
Die Kölner Live Music Hall ist der bislang größte Laden der Tour.
Ich schätze, daß man da locker 1.500 Leute reinbekommt. Die Bühne ist
riesig, die Crew wuselt geschäftig umher, alle ackern und basteln herum,
im Backstagebereich wird den ganzen Tag geköchelt und gebrutzelt, und
in mir macht sich ein warmes Gefühl des Stolzes breit, daß letztlich wir
es sind, die das alles in Bewegung setzen. Das Beste an diesem Tag ist
aber, daß 10-Punkte-Mühlmann, der uns bis gestern noch aufmerksam
beobachtet hatte und dabei immer so kleine Notizen in ein Heftchen
machte, heute nicht dabei sein kann. Wir können also endlich mal wieder
normal reden, räumen den Bus auf und lüften mal durch (Ihr Armen! Daß
Rudi öfter mal randaliert, war klar, aber daß er die Pein noch steigert,
indem er neuerdings müffelt wie ein Bergziegen-Deo, ist uns neu... -
Red.), stellen ein paar Blümchen auf den Tisch und trinken Teechen. Der
ganze Rock’n’Roll-Quatsch war ja eh nur für die Presse inszeniert.
Alles hätte also heute so schön sein können, wäre da nicht die Bravo
gewesen. Tja, Leute, ich weiß, daß jetzt einige erschrocken
aufschreien, aber wenn die Bravo schon mal kommt und Fotos machen will –
warum nicht? Schließlich sollen auch junge Menschen erfahren, daß es
gute Musik auf der Welt gibt. Dafür schmeißen wir uns schon mal
nachmittags in die noch feuchten Bühnenklamotten und posen eine halbe
Stunde für die Kamera. Der absolute Hammer sind aber die Fragebögen, die
wir alle ausfüllen sollen. Ich frage mich ernsthaft, ob das der
Datenschutz zuläßt: Größe, Augenfarbe, Gewicht, Alter, Eltern, Freunde,
Bildung, Adresse – einfach alles. Ich bin so verwirrt, daß ich zwar mein
Gewicht um zwanzig Kilo runterschummle, aber leider vergesse ich, mein
Alter zu türken – na, dann gibt’s halt keine Fanpost...
Als wir gegen 22.00 Uhr dran sind, begrüßt uns eine frenetische
Menge. Eric kann es sich trotz des Grabens vor der Bühne nicht
verkneifen, ins Publikum zu diven. Na, ich bin ja mal gespannt auf die
Bravo-Fotos...
Ein kleiner Schreck noch in der Abendstunde: Als wir kurz vor dem
Aufbruch stehen, stürmt unser Merchandiser Rainer in die Garderobe und
brüllt irgendwas von: »Der Bus brennt!«, und zwar auf eine Art, die
nicht an einen Aprilscherz denken läßt. Wir also runter wie die Gejagten
und rein in beißende Rauchschwaden. Tom und Simon stürzen sofort zum
hinteren Ladefach, wo sie die Backline aus dem qualmenden Bus zerren, um
den Brandherd zu finden – einen Kabelbrand.
Hurra! Hurra! Die NVA!
So, und jetzt darf der Mühli wieder: Eigentlich paßt ein
Rockkonzert zu Hannovers Capitol genauso wie ein
geisteswissenschaftliches Buch zu Verona Feldbusch. Dieser Club ist
dermaßen mordsmäßig schickimicki, daß man fast schon automatisch seine
Stiefel ausziehen und Pantoffel überstreifen will, wenn man reinkommt.
Aber hier finden auch superviele Leute Platz, und hoch oben gibt es eine
Empore, von der aus man per Vogelperspektive auf die Band
herunterschauen kann.
Mud Slick werden heute erneut sehr wohlwollend von den Fans
aufgenommen, was den Eidgenossen zu gönnen ist, ziehen sie diese Tour im
Vorprogramm von SUBWAY TO SALLY doch fast komplett auf eigene Kosten
durch. Das Capitol ächzt unter den rund 900 springenden und tanzenden
Fans. Fernsehen ist auch da, die Teams zweier verschiedener Sendungen
des Offenen Kanals Hannover machen sich Konkurrenz, was das Zeug hält.
Ich lasse mich für diese Zwecke auch noch mißbrauchen, indem ich von
einem hübschen jungen Weibchen überredet werde, mit Frau Schmitt vor
laufender Kamera ein Kurzinterview zu führen. Doch kaum ist die Kamera
unbarmherzig auf uns gerichtet, fällt alle Coolness von mir ab, und ich
krampfe mir schwitzend eine Handvoll Fragen aus meinem Gehirnskästchen.
Frau Schmitt hingegen strahlt wie die Sonne, als sei sie bereits ein
Leben lang TV-Göttin gewesen.
Im Bus wird ganz dolle gefeiert. Nachdem einige Schädel vom Weine
hochgerötet sind, hebt Ingo zu einem Lied an, das wir Ostdeutschen einst
in der Schule gelernt haben: ´Die Partisanen vom Amur´. Wie der Titel
bereits vermuten läßt, dreht es sich in diesem Song (wie eigentlich in
allen Liedern aus dem Fundus der DDR-Sangesbewegung) um den Sieg der
Ultraroten über alle, die nicht ultrarot sind. So nach und nach stimmen
Bodenski, Simon, Sugar Ray und ich in die Kampflieder ein – und schnell
entsteht in diesem Bus eine rotgardistische Keimzelle. Wir besingen die
Partei, die immer recht hat, die Nationale Volksarmee, die unsere Heimat
zu Lande, in der Luft und auf der See schützt, den kleinen Trompeter,
der von den Faschisten erschossen wurde, die rote Arbeiterfahne, die
Vater durch die Not getragen hat, und die Freie Deutsche Jugend, die
nicht feiert und erst recht nicht säuft – sondern einfach nur aufbaut,
was auch immer, vielleicht eine Mauer. Verstieß man in Köln noch gegen
den Datenschutz, so gerät unsere trunkene Singegruppe nun zum Fall für
den Verfassungsschutz. Dies muß vor allem Sugar Ray bewußt sein, denn
mit einer zwerchfellerschütternden Imitation des naturbesoffenen Hans
Albers holt uns der Bassist ins Deutschland kurz vor der
Jahrtausendwende zurück (Wie passend, daß die Hochzeiten des
hochaktuellen Hans A. in den 30ern, 40ern und 50ern lagen... - Red.).
Ochsen wollen boxen
Hamburg: Selbst rege Markthallengänger können sich auf Anhieb
nicht daran erinnern, wann zum letzten Mal eine harte Band eine derart
große Menschenmenge in diesen Gebäudekoloss gelockt hat. Etwa 1.100
JüngerInnen möchten in der Hansestadt die „Hochzeit“ nicht verpassen,
und ein Teil von ihnen gibt sich ausgesprochen sportlich. Heute ist
nämlich 90 Minuten lang Stagediven und Crowdsurfen angesagt, was zwar
vor allem Eric sehr gut gefällt, da der Frontmann ein erklärter
Liebhaber dieser Sportart ist, andererseits aber die Security ziemlich
wütend macht. Manchmal müssen die Sicherheitskräfte halt übertreiben,
weil sie sich offenbar nicht bewußt sind, daß es um Musik und Spaß und
nicht um die Boxweltmeisterschaften der WBO geht. Bei ´Die Räuber´ ist
mal wieder alles zu spät, denn die Hamburger singen dieses Stück in
markerschütternder Lautstärke mit. Ich könnte quieken vor
Begeisterung...
Doch das tun heute andere, denn viele Die-hard-Fans haben ihre
Lieblinge endlich mal zum Anfassen. Nach dem Gig fahren alle Musiker zum
Fischmarkt, um dem Metal-Club Headbangers Ballroom einen Besuch
abzustatten. Nach dreistündigem Quatschen, Autogramme geben, Feiern und
Mittelalter-Musik ist es leider Zeit für den Abschied.
Und wenn ich sage, daß ich melancholisch gestimmt bin und am
liebsten noch für ein paar Tage meine Buskoje okkupieren würde, dann ist
das nicht gelogen (Beim nächsten Mal geben wir dir trotzdem lieber
einen Sack Nasenstöpsel und ´n Staubtuch mit... - Red.). Danke, liebe
Subways! War schön mit euch...
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