top
Tourdaten
Tourberichte
Presse





FanwayToSally


SubwayToSally




bodenski.de

RockHard - Hochzeit auf Rädern
Veröffentlicht am 27.02.2010 von Darkangel | Aufrufe: 159
Bewaffnet mit Reisetasche und Fotokoffer, lümmelt Mühlmann im Zugabteil. Die Sonne strahlt, und die Kopfhörer des Discman senden die frohe Botschaft: „Noch bevor der Morgen graut, küßt der Bräutigam die Braut“. Noch nie hat sich Mühli so sehr auf einen Auftrag des Herrn (Kühnemund) gefreut wie auf die Tour mit SUBWAY TO SALLY...

Fischvergiftung ahoi!

Urlaubsatmosphäre im Hinterhof des Osnabrücker Works, einer Mischung aus Schrebergarten-Idylle und Mülldeponie. Die Subways sitzen in Campingstühlen und haschen sonnenhungrig nach Pigmenten. Gitarrist Ingo spielt auf seiner Laute, Violinistin Frau Schmitt schmökert in einem 800-Seiten-Wälzer, und drinnen entsteht auf einer nicht vorhandenen Bühne so etwas wie eine Bühne. So müssen beispielsweise Tische für das Schlagzeugpodest herhalten.
Eigentlich ist das Works eine Disse und dementsprechend „geschmackvoll“ eingerichtet. Hinter der Bühne finden wir die Skyline von Manhattan an die Wand gepinselt, ägyptische Gottheiten zieren andere Wände; und direkt neben der Theke steht ein verwildertes Aquarium, dessen Fische im Laufe der Zeit sicherlich durch unzählige Zigarettenstummel und Schnapsreste zu Drogenabhängigen mutiert sind. Aha, daher stammt also das Wort „Fischvergiftung“...
In der Zwischenzeit tauchen Sänger Eric und Gitarrist Bodenski auf und berichten von einem wahren Triumphzug: »Leipzig! 900 Leute! War voll geil! Fulda war auch unglaublich! Und die Essener Zeche Carl war bereits im Vorfeld ausverkauft.« Bei einem der Konzerte erlebte Bodenski allerdings eine Panne während der Feuerspuck-Einlage und verbrannte sich derbe die Hand – unglaublich, daß er dennoch Abend für Abend auf die Flammen nicht verzichten will.
Unterdessen liebäugeln Schlagzeuger David und Klampfer Ingo während des Soundchecks mit einer Karriere als Sänger. Sie kleistern den Saal mit einer fürchterbaren Version von ´Sanctus´ zu, die eher an eine Mischung aus erzgebirgischen Weihnachtsliedern und Schlafes Bruder erinnert.
Wenig später ist der Club pickepackevoll, und SUBWAY TO SALLY beeindrucken von der ersten Sekunde an. Ein mystisches Intro donnert aus den Boxen, und die Band steigt mit ´Böses Erwachen´, dem Opener des aktuellen Albums „Hochzeit“, in ihre Show ein.
Früher hieß es einmal, daß ausschließlich die Fans der Böhsen Onkelz alle, aber wirklich alle Texte ihrer Lieblinge lauthals mitsingen. Diejenigen, die das behaupten, sollten sich schleunigst mal ein Konzert der Potsdamer anschauen. Nach einem wahren Hitparadenblock (ein Medley aus den Knallern ´Die Ratten´, ´Sag dem Teufel´ und ´Zu spät´, gefolgt von ´Ohne Liebe´, und ´Henkersbraut´) kündigt Sänger Eric mit den Worten »Wir wollen uns mit euch vermählen!« ein besonderes Zeremoniell an und geleitet die einen Hochzeitsstrauß tragende Violinistin an den Bühnenrand. »Willst du, Frau Schmitt, deinem Publikum in guten wie in schlechten Zeiten auf ewig die Treue halten? So antworte mit: Ja, ich will.« Frau Schmitt will. Das Publikum will erst recht und hebt zu einem ohrenbetäubenden Lärm an. Zum Lohn erhält die Menge den Brautstrauß – und einen weiteren Hit: ´Liebeszauber´.
Nach zwei Stunden sind alle erschöpft, aber glücklich. Und während die Crew wieder Knochenarbeit leisten muß, zappeln einige Unermüdliche auf der Tanzfläche zu Monster Magnet, Lenny Krawitz und Co. ab.
Das in der Musikwelt weit verbreitete „Tour-Party-Komasaufen-Klischee“ ist im Grunde genommen Unsinn. Zumindest bei SUBWAY TO SALLY. Wenn 15 Menschen mit unterschiedlichen Charakteren, Interessen und Aufgaben mehrere Wochen lang einen Nightliner als gemeinsames Zuhause teilen, ist es vor allem Rücksichtnahme, Toleranz und ein Grundmaß an Selbstdisziplin, das jeder verinnerlichen muß. Eric zum Beispiel ist einem Gläschen Alkohol und einer Feierabendkippe grundsätzlich alles andere als abgeneigt. Und trotzdem hält er zu diesen Vergnügungen gehörigen Sicherheitsabstand, denn die Klarheit und Kraft seiner Stimme geht über alles. Der blonde Frontmann verabschiedet sich unmittelbar nach der Abfahrt in seine Schlafkoje, während wir noch lecker Pils naschen. Und so plaudere ich mit den Gitarristen Simon und Bodenski und dem Bassisten Sugar Ray, von dem ich immer gedacht hatte, er sei ein schweigsamer, fast schon schüchterner Typ. So ein Quatsch. Als wir über die Situation im Kosovo diskutieren, redet sich Sugar Ray beinahe in Rage.
So langsam spüre ich das sagenhafte familäre Feeling innerhalb der Band. Können diese Menschen überhaupt glücklich sein, ohne sich zu sehen? »Na, priemstens!«, versichert Bodenski. Und wie priemstens das ist, soll ich morgen erleben...

Tahaxi zum Otto-Katalog

Chemnitz, Day-off. Simon und David haben heute Besuch von ihren Frauen und sind flugs von der Bildfläche verschwunden. Eric verbarrikadiert sich in seinem Hotelzimmer, und Frau Schmitt besucht eine Freundin, die in der Nähe wohnt. Sachsen wartet mit tollstem Frühlingswetter auf, so daß ich ganz schnell die Flucht aus dem Hotelzimmer antrete. Wer Karl-Marx-Stadt, ähm, Chemnitz kennt, weiß, daß diese Stadt alles andere als ein architektonisches Kleinod ist. Zumindest steht uns nach einer Besichtigung des riesigen Karl-Marx-Denkmals (die Chemnitzer nennen es den Ochsenkopf) und der sozialistischen Betonblöcke in der Straße der Nationen nicht der Sinn. Was bleibt, ist der wirklich hübsche Schloßteich mit seinen Wiesen und Cafés. Hier läßt sich’s angenehm faulenzen...
Stunden später sitzen die Paare Simon und David sowie der Schreiberknecht auf der Terrasse eines Restaurants. Wir geben uns haltloser Völlerei hin und erzählen Schwänke aus der Jugendzeit. Während der damalige Student Simon ein zutiefst pazifistischer und ökologisch angehauchter Musiker mit einem schier unerschöpflichen Fundus an Friedensliedern war, nahm das Denken seiner Frau eher aktivistische Züge an. „Tschüß, Mutti, ich gehe zur RAF“, schrieb sie einst als Abschiedsbrief, um dann nach Hamburg durchzubrennen.
»Joo. Unn dann gips noch änne Kneipe, die suh nen Iren und ärgändwälschen Auslenndern gehärt«, klärt uns die Taxifahrerin über das Nachtleben auf. Bodenski und Tourmanager Tom hören sich die Ausführungen in breitestem Sächsisch tapfer an. Apropos Tom: Immer einen lustigen Spruch auf Lager, wird er von einem Moment zum nächsten zum knallharten Vollprofi, wenn es um die Interessen der Band geht. Vor ihm zittern all jene Veranstalter, die gerne mal vergessen, daß auch Musiker ausreichend verpflegt werden möchten. Wenn Tom sagt, um 16 Uhr müsse das Catering im Backstage-Raum stehen, dann knallen die Veranstalter fast schon die Hacken zusammen.
Doch heute abend versagt er: »Ich hätte gern die Nummer eines Chemnitzer Taxi-Unternehmens«, bittet er die „11833“-Telekom-Frau. »Welche Firma soll es denn sein?«, fragt diese zurück. Tom guckt entgeistert. »Am besten ein Taxi, das auch wirklich kommt.« (Was hier nicht selbstverständlich ist, wie wir wartend und frierend feststellen müssen.) Doch die 11833-Stimme läßt nicht locker. »Sind Sie aus Chemnitz?« Jetzt reicht es Tom: »Nahein! Wir sind nicht aus Chemnitz! Wir stehen hier nur ruhum und wollen ein Tahaxi!«
Der hiesige Szenetreff heißt „Buschfunk“ und entpuppt sich als Cocktailbar. Jetzt schlägt Toms wahre Stunde. Mit Kennermiene schnappt er sich die Getränkekarte, und sein Blick rauscht über die rund hundert aufgelisteten Cocktails. Als ob er einen Veranstaltungsplan studiert, klammert der Manager zwei Seiten voller exotischer Getränke als »unwichtig, da zu harmlos« aus. Etwas »mit Rum, aber fruchtig« muß es sein. Langsam, aber sicher lösen sich unsere Zungen, und Bodenski und ich schmettern in immer kürzeren Zeitabständen den völlig hohlen Schlagsatz »da geht ja noch einiges in Chemnitz«. Das ist aber gelogen. Denn ein Blick in das örtliche Veranstaltungsmagazin „Stadtstreicher“ verrät, daß wir die Qual der Wahl zwischen ganzen zwei Events haben: EBM oder 80er-Sounds. Im „Stadtkeller“, jener Disse in einem Betonkloben im Zentrum der Stadt, geht bald darauf gar nix mehr. Billiger Dance-Ramsch, gestylte Mädels in Otto-Katalog-Klamotten sowie eine Mannesmischung aus Haargel und Fitneßstudio zwingen uns zur Kapitulation.

Ach & Hach

Chemnitz, Südbahnhof: Der Club ist mit 500 Leuten ansehnlich gefüllt, wenn man bedenkt, daß der nächste Konzertort lediglich 40 Kilometer entfernt ist. Anfangs reagieren etliche Fans ungewohnt schüchtern. Aber spätestens mit dem zweiten Stück des Abends, ´Mephisto´, tickt die Masse wieder aus. Als die Temperaturen auf der Bühne subtropisch werden, entledigt sich der Frontmann seines Shirts. Da schlägt die Stunde der Sächsinnen: »Jätze musste mol ä Foutou mochen, für dä wäiblüschen Zuhschauär!«, schnarrt mich eine Schönheit an. Hach, ich liebe meine Landsleute!

Heavy Mahlzeit

Obwohl es hier nur eine Kneipe, eine Kirche und drei Spitzbuben gibt, rankt sich um Ebersbrunn ein tonnenschwerer Kult. Das Gasthaus Zum Löwen nebst Tanzsaal existiert, seitdem ich denken kann. Seit Mitte der 80er hat sich hier gar nichts geändert – der gleiche wohlgenährte Inhaber, noch immer die häßliche Tapete sowie die Stühle und Tische aus finsterster DDR-Zeit, das alte Piano im Backstage-Raum, auf dessen Tasten im Laufe der Jahre unzählige betrunkene Musiker uriniert haben, die gleiche Speisekarte, bestehend aus Schnitzel mit Kartoffelsalat, Schnitzel mit Spiegelei, Spiegelei mit Kartoffelsalat, Schaschlik mit Brot oder mit Kartoffelsalat sowie Wiegebraten auf Brot mit oder ohne Spiegelei oder mit Kartoffelsalat (Mjam! - Red.). Und draußen rennt der rasiermesserscharfe Schäferhund des Kneipiers herum. Das bedeutet, daß wir drin bleiben müssen, denn dieser Hund zwackt leidenschaftlich gern Fremde in die vier Buchstaben.
Irgendwann wagen sich Eric und ich doch ins Freie, und wir wandern zu einem Feld auf einer Anhöhe, um Erics neuem Hobby zu frönen: Drachen steigen lassen. Der Sänger hat den Dreh mit den Drachenschnüren raus, aber jedesmal, wenn er sie mir in die Hand gibt, stürzt das Ding sofort ab. »Los, Wolf! Mein Sohn konnte das bereits nach fünf Minuten!« Ich konnte es auch nach 15 Minuten noch nicht.
Offiziell ist der Gasthof bei 700 Personen ausverkauft. Heute verwandeln 1.000 Fans (ungefähr die doppelte Einwohnerzahl von Ebersbrunn) den Saal in eine Hitzehölle. Bereits die Vorband, Mud Slick aus der Schweiz, sorgt für eine klasse Stimmung. Jedenfalls schütteln die sympathischen Groove-Rocker über diesen Ort und über dieses Publikum verständnislos, aber glücklich die Köpfe.
Die Hitze und die enorme Luftfeuchtigkeit verlangt ihren Tribut. Unter anderem Bodenskis Gitarre, deren Elektronik verrückt spielt. Auch die elektronische Schweißanlage gibt ihren Geist auf. Wozu auch `ne Schweißanlage? Ganz einfach: Auf ihrer „Hochzeitsreise“ haben die Subways diesmal keine echten Rinderschädel mitgenommen, sondern zwei Imitationen aus Metall. Während des Stücks ´Das Opfer´ hämmern Simon und Bodenski mit je zwei Schweißkolben im Takt auf die Schädel ein. Die dabei entstehenden Funken sehen im Kontrast zur dunklen Bühne ziemlich klasse aus (irgendwie super deutsche Sprachkraft - Red.).
Wenn’s aber nicht funkt? Den Fans ist’s schnurz, sie schwitzen sich ins Delirium. Auch wenn die Subways in Ebersbrunn fünf Stunden lang spielen würden und die Fans am Verdursten wären: Sie würden nicht „Wasser, Wasser!“, sondern „Zugabe!“ rufen. Wetten?
Nach diesem Wahnsinn bleibt der Band nichts anderes übrig, als ordentlich zu feiern. Was vor allem Bodenski sehr wörtlich nimmt und sich derart einen einverhilft, daß er auf eine Vertreterin des Fanclubs „Sallys Jünger“ nur noch in Reimen einlallt: »Junge Frau, du kicherst sehr verwegen/ mach´ nur so weiter, dann stehst du bald im Regen.« Teufel Alkohol...
Einem Ordnungshüter wird das alles jedoch zuviel, und so blafft er uns an: »Jätze gäht ändlüsch ma na Hause! Örgänd wann muß ochemol Sabbat sein.« Auf meinem Einwand, daß die traditionelle jüdische Sabbatruhe bereits gestern beendet war, bellt er: »Kumm duuh ärstemool in mai Altor!« Ächz...

Des Wahnsinns nackte Meute

Frankfurt, Batschkapp: Ganze 17 Tickets sind noch übrig, die Mainmetropole ist im Subway-Fieber. Und die 800 Fans bekommen einen erstklassigen Sound um die Ohren geblasen. Erics Dudelsack pfeift kräftig aus den Boxen und kann in puncto Lautstärke im Duell mit Ingos Gitarre besser mithalten als in Chemnitz und Osnabrück. Auch der Gesang von Eric, Simon und Bodenski ist vorzüglich abgestimmt – und so wird ´Sanctus´ zu einem richtig schönen Gänsehaut-Erlebnis. Doch der nackte Wahnsinn sind die Fans selbst. Sie lassen während des Stücks ´Die Rose im Wasser´ etliche Rosenblüten auf Frau Schmitt regnen, und die Violinistin, die mehr und mehr zum Publikumsliebling avanciert, lächelt gerührt.
Apropos Publikumsliebling: Gewöhnlich schmettern die Fans unzählige Male den Kultsong „Blut, Blut, Räuber saufen Blut“. In der Batschkapp gesellt sich noch ein zweiter Schlachtruf hinzu: „Frau Schmitt! Frau Schmitt!“ Als die Fiedlerin und Eric zum Vermählungsakt kommen, erhält der Sänger erst gar nicht die Chance, sein feierliches Sprüchlein aufzusagen: »Liebes Publikum, willst du...« - »Jaaaaaaaa!«

Bravo-Show (extra feucht)

So, und ab hier übernimmt der Bodenski das Amt des Schriftführers:
Die Kölner Live Music Hall ist der bislang größte Laden der Tour. Ich schätze, daß man da locker 1.500 Leute reinbekommt. Die Bühne ist riesig, die Crew wuselt geschäftig umher, alle ackern und basteln herum, im Backstagebereich wird den ganzen Tag geköchelt und gebrutzelt, und in mir macht sich ein warmes Gefühl des Stolzes breit, daß letztlich wir es sind, die das alles in Bewegung setzen. Das Beste an diesem Tag ist aber, daß 10-Punkte-Mühlmann, der uns bis gestern noch aufmerksam beobachtet hatte und dabei immer so kleine Notizen in ein Heftchen machte, heute nicht dabei sein kann. Wir können also endlich mal wieder normal reden, räumen den Bus auf und lüften mal durch (Ihr Armen! Daß Rudi öfter mal randaliert, war klar, aber daß er die Pein noch steigert, indem er neuerdings müffelt wie ein Bergziegen-Deo, ist uns neu... - Red.), stellen ein paar Blümchen auf den Tisch und trinken Teechen. Der ganze Rock’n’Roll-Quatsch war ja eh nur für die Presse inszeniert.
Alles hätte also heute so schön sein können, wäre da nicht die Bravo gewesen. Tja, Leute, ich weiß, daß jetzt einige erschrocken aufschreien, aber wenn die Bravo schon mal kommt und Fotos machen will – warum nicht? Schließlich sollen auch junge Menschen erfahren, daß es gute Musik auf der Welt gibt. Dafür schmeißen wir uns schon mal nachmittags in die noch feuchten Bühnenklamotten und posen eine halbe Stunde für die Kamera. Der absolute Hammer sind aber die Fragebögen, die wir alle ausfüllen sollen. Ich frage mich ernsthaft, ob das der Datenschutz zuläßt: Größe, Augenfarbe, Gewicht, Alter, Eltern, Freunde, Bildung, Adresse – einfach alles. Ich bin so verwirrt, daß ich zwar mein Gewicht um zwanzig Kilo runterschummle, aber leider vergesse ich, mein Alter zu türken – na, dann gibt’s halt keine Fanpost...
Als wir gegen 22.00 Uhr dran sind, begrüßt uns eine frenetische Menge. Eric kann es sich trotz des Grabens vor der Bühne nicht verkneifen, ins Publikum zu diven. Na, ich bin ja mal gespannt auf die Bravo-Fotos...
Ein kleiner Schreck noch in der Abendstunde: Als wir kurz vor dem Aufbruch stehen, stürmt unser Merchandiser Rainer in die Garderobe und brüllt irgendwas von: »Der Bus brennt!«, und zwar auf eine Art, die nicht an einen Aprilscherz denken läßt. Wir also runter wie die Gejagten und rein in beißende Rauchschwaden. Tom und Simon stürzen sofort zum hinteren Ladefach, wo sie die Backline aus dem qualmenden Bus zerren, um den Brandherd zu finden – einen Kabelbrand.

Hurra! Hurra! Die NVA!

So, und jetzt darf der Mühli wieder: Eigentlich paßt ein Rockkonzert zu Hannovers Capitol genauso wie ein geisteswissenschaftliches Buch zu Verona Feldbusch. Dieser Club ist dermaßen mordsmäßig schickimicki, daß man fast schon automatisch seine Stiefel ausziehen und Pantoffel überstreifen will, wenn man reinkommt. Aber hier finden auch superviele Leute Platz, und hoch oben gibt es eine Empore, von der aus man per Vogelperspektive auf die Band herunterschauen kann.
Mud Slick werden heute erneut sehr wohlwollend von den Fans aufgenommen, was den Eidgenossen zu gönnen ist, ziehen sie diese Tour im Vorprogramm von SUBWAY TO SALLY doch fast komplett auf eigene Kosten durch. Das Capitol ächzt unter den rund 900 springenden und tanzenden Fans. Fernsehen ist auch da, die Teams zweier verschiedener Sendungen des Offenen Kanals Hannover machen sich Konkurrenz, was das Zeug hält. Ich lasse mich für diese Zwecke auch noch mißbrauchen, indem ich von einem hübschen jungen Weibchen überredet werde, mit Frau Schmitt vor laufender Kamera ein Kurzinterview zu führen. Doch kaum ist die Kamera unbarmherzig auf uns gerichtet, fällt alle Coolness von mir ab, und ich krampfe mir schwitzend eine Handvoll Fragen aus meinem Gehirnskästchen. Frau Schmitt hingegen strahlt wie die Sonne, als sei sie bereits ein Leben lang TV-Göttin gewesen.
Im Bus wird ganz dolle gefeiert. Nachdem einige Schädel vom Weine hochgerötet sind, hebt Ingo zu einem Lied an, das wir Ostdeutschen einst in der Schule gelernt haben: ´Die Partisanen vom Amur´. Wie der Titel bereits vermuten läßt, dreht es sich in diesem Song (wie eigentlich in allen Liedern aus dem Fundus der DDR-Sangesbewegung) um den Sieg der Ultraroten über alle, die nicht ultrarot sind. So nach und nach stimmen Bodenski, Simon, Sugar Ray und ich in die Kampflieder ein – und schnell entsteht in diesem Bus eine rotgardistische Keimzelle. Wir besingen die Partei, die immer recht hat, die Nationale Volksarmee, die unsere Heimat zu Lande, in der Luft und auf der See schützt, den kleinen Trompeter, der von den Faschisten erschossen wurde, die rote Arbeiterfahne, die Vater durch die Not getragen hat, und die Freie Deutsche Jugend, die nicht feiert und erst recht nicht säuft – sondern einfach nur aufbaut, was auch immer, vielleicht eine Mauer. Verstieß man in Köln noch gegen den Datenschutz, so gerät unsere trunkene Singegruppe nun zum Fall für den Verfassungsschutz. Dies muß vor allem Sugar Ray bewußt sein, denn mit einer zwerchfellerschütternden Imitation des naturbesoffenen Hans Albers holt uns der Bassist ins Deutschland kurz vor der Jahrtausendwende zurück (Wie passend, daß die Hochzeiten des hochaktuellen Hans A. in den 30ern, 40ern und 50ern lagen... - Red.).

Ochsen wollen boxen

Hamburg: Selbst rege Markthallengänger können sich auf Anhieb nicht daran erinnern, wann zum letzten Mal eine harte Band eine derart große Menschenmenge in diesen Gebäudekoloss gelockt hat. Etwa 1.100 JüngerInnen möchten in der Hansestadt die „Hochzeit“ nicht verpassen, und ein Teil von ihnen gibt sich ausgesprochen sportlich. Heute ist nämlich 90 Minuten lang Stagediven und Crowdsurfen angesagt, was zwar vor allem Eric sehr gut gefällt, da der Frontmann ein erklärter Liebhaber dieser Sportart ist, andererseits aber die Security ziemlich wütend macht. Manchmal müssen die Sicherheitskräfte halt übertreiben, weil sie sich offenbar nicht bewußt sind, daß es um Musik und Spaß und nicht um die Boxweltmeisterschaften der WBO geht. Bei ´Die Räuber´ ist mal wieder alles zu spät, denn die Hamburger singen dieses Stück in markerschütternder Lautstärke mit. Ich könnte quieken vor Begeisterung...
Doch das tun heute andere, denn viele Die-hard-Fans haben ihre Lieblinge endlich mal zum Anfassen. Nach dem Gig fahren alle Musiker zum Fischmarkt, um dem Metal-Club Headbangers Ballroom einen Besuch abzustatten. Nach dreistündigem Quatschen, Autogramme geben, Feiern und Mittelalter-Musik ist es leider Zeit für den Abschied.
Und wenn ich sage, daß ich melancholisch gestimmt bin und am liebsten noch für ein paar Tage meine Buskoje okkupieren würde, dann ist das nicht gelogen (Beim nächsten Mal geben wir dir trotzdem lieber einen Sack Nasenstöpsel und ´n Staubtuch mit... - Red.). Danke, liebe Subways! War schön mit euch...

Kommentare

Dein Benutzerkonto hat keine Berechtigungen zum Verfassen von Kommentaren!
top


Video
Das Schwarze Meer






Copyright 2011 - Fanway To Sally
Impressum
Kontakt