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RockHard - Wenn der Papst die Kreuze umdreht
Veröffentlicht am 27.02.2010 von Darkangel | Aufrufe: 207
„Hochzeit“ – feierliche Verschmelzung zweier Menschen. Doch nicht allein darum geht es SUBWAY TO SALLY auf ihrem fünften Album. „Hochzeit“ – das ist auch eine außergewöhnliche Beziehung zweier Genres: Harter Metal trifft auf folkloristische Klänge. Mit diesem Longplayer haben sich die Potsdamer zu einem der wichtigsten heimischen Metal-Acts der 90er hochgearbeitet...

...wenn nicht sogar zum wichtigsten Act schlechthin. Natürlich wird auf jede Person, die diese Meinung teilt, mindestens eine kommen, die entschieden widerspricht. Aber welche deutsche Metal-Band der Gegenwart vereint denn tatsächlich alle Tugenden in sich? Wer bietet gleichermaßen Traditionelles und Modernes, wer kann sowohl aggressiv als auch tieftraurig, brechend hart oder zart und zerbrechlich sein? Wer weckt mit beeindruckender Lyrik tiefe Gefühle beim Hörer? Welche Band besteht aus tatsächlich interessanten Persönlichkeiten? Wer bricht mit musikalischen Konventionen und fragwürdigen Reinheitsgeboten? Welche Formation verknüpft so gekonnt und glaubwürdig vermeintlich verschiedene Musikstile, ohne einfach nur „trendy“ zu sein? Und welcher Act steht beinahe wöchentlich auf den Bühnen dieses Landes, um seinen Fans ein Stückchen Lebensfreude zu schenken? Wer, außer SUBWAY TO SALLY?
Zwei dieser bemerkenswerten Musiker sitzen mir gegenüber: Gitarrist/Texter Michael Boden und Sänger Eric Hecht.
»Wir hockten in einer Kneipe in Potsdam und überlegten, wie wir unsere nächste Platte machen wollen und warum«, berichtet der Frontmann, angesprochen auf die wichtigsten Unterschiede zwischen dem aktuellen Meilenstein und dem Vorgängeralbum „Bannkreis“. »Da kam Ingo (Hampf, Gitarrist und Hauptsongwriter – d.Verf.) mit einem Satz wie in Stein gemeißelt. Er sagte: „Wir machen das gleiche wie früher, nur einfacher und treffsicherer. Laßt uns auf alle Schnörkel verzichten, die Geschenkbänder abmachen und das Geschenk, das nackte Produkt herausholen.“«
Soll heißen: Mit „Bannkreis“ habt ihr gezeigt, daß SUBWAY TO SALLY eine technisch anspruchsvolle Band sind, und mit „Hochzeit“ tretet ihr den Beweis an, daß ihr sehr gute Songwriter seid.
»So ist es«, übernimmt Michael. »Wenn man musikalisch intelligent ist, muß man dies auch so geschickt verpacken, daß die große Masse die Ideen nachvollziehen kann. Natürlich gibt es bei uns nach wie vor versteckte Taktwechsel und technische Spielereien. Aber die sind cleverer eingearbeitet.«
Spätestens mit „Hochzeit“ seid ihr fett in den Metal-Bereich vorgestoßen. Wann kam in euch das Verlangen auf, die Folk- und Birkenstock-Szene zu verlassen?
»Bereits nach dem ersten Album, also vor etwa vier Jahren. Damals wollte Ingo ja aussteigen. Wir hatten den Punkt erreicht, an dem sich jedes Bandmitglied mit irgendeinem Bestandteil unserer Musik nicht mehr identifizieren konnte«, so der Gitarrist. »Es fehlte das große, verbindende Element für alle.«
»Allerdings blieb von Album zu Album immer ein Stück alte Haut hängen, wie bei einer Schlange, die sich häutet«, fügt Eric hinzu. »Und diese alte Haut ist wichtig, denn das sind unsere Trademarks. Häuten tut weh, aber die neue Haut ist immer ziemlich schön.«
»Im Grunde genommen sind mir Genre-Bezeichnungen wie Metal oder Folk völlig egal«, so Michael. »Wenn die Fans SUBWAY TO SALLY hören, dann hören sie den Soundtrack zu unserem Leben. Und der neue ist ziemlich modern geworden. Ich habe große Angst davor, wie die Leute die Platte aufnehmen werden. Aber irgendein Gefühl sagt mir, daß wir etwas ganz Tolles gemacht haben. Für uns als Band ist diese Scheibe geradezu ein Erdrutsch.«
Meiner Meinung nach ist „Hochzeit“ das stärkste Album, das SUBWAY TO SALLY bislang eingespielt haben – sieht man mal vom Kultfaktor des bei Costbar Records erschienenen Debüts „1994“ ab. Gleichzeitig ist zu vermuten, daß der aktuelle Longplayer den bislang größten Kompromiß zwischen den sieben MusikerInnen darstellt, da harte Gitarrensounds und derbes Drumming noch mehr an Bedeutung gewonnen haben.
»Das siehst du völlig falsch«, entgegnet Eric. Und Michael ergänzt: »Dies ist eine erwachsene Platte. Wenn Erwachsensein hieße, Kompromisse eingehen zu müssen, was ich nicht glaube, dann hättest du recht. Wir haben konsequenter denn je mit unseren individuellen Stärken gearbeitet. Und wenn jemand die Stärke hat, auch mal den Mund halten zu können, dann hat er seine Stärke sinnvoll ausgespielt. Ich ahne bereits, daß wir wegen einiger Gitarrenparts auf Rammstein angesprochen werden. Das braucht uns aber nicht zu tangieren, denn wir wissen, daß „Hochzeit“ von Anfang bis zum Ende das widerspiegelt, was SUBWAY TO SALLY ausmacht.«
Bestimmt verbringen etliche eurer Fans ihren lieben langen Tag in der Schule oder im Büro, wo sie deutsch-englisches Kauderwelsch reden und mittags bei McDonald´s einen Burger verhaften. Wieso verinnerlichen solche Leute ausgerechnet diese Form von Lyrik? Wieso haben knapp 30.000 Menschen eure letzte Platte gekauft, stehen in der Konzerthalle und singen alle eure Texte mit?
»Wir haben die Fähigkeit, Geschichten so zu formulieren und rüberzubringen, daß sich gerade Menschen, die ihre tieferen Seiten nicht tagtäglich ausleben können, bei uns wohlfühlen können«, glaubt der Gitarrist.
»Wir haben einen schmalen Trampelpfad gefunden, der direkt zu den Menschen führt und ihre Emotionen weckt«, so der Sänger. »In jedem Menschen stecken diese Emotionen, wie Saiten. Und wir bringen sie zum Klingen.«
»Das spüren wir auch anhand der Briefe, die wir von Fans erhalten. Unsere Musik und Texte begleiten die Leute durch ihr Leben«, berichtet Michael. »Ich merke dann immer, wie groß meine Verantwortung ist. Wir schaffen etwas, das die Leute annehmen. Und die Fans stellen auch konkrete Fragen zu uns als Personen und zu unserem Glauben. Manche fragen sogar, wie wir zum Satanismus stehen.«
Seid ihr Atheisten?
Michael: »Ja. Aber ich sehe mich immer gern als Suchender ohne Hoffnung, jemals zu finden.«
Eric: »Und ich sehe mich als Hoffender.«
Wie oft gelingt es euch, nicht als Bestandteil von SUBWAY TO SALLY zu denken und zu handeln?
Michael: »Mir gelingt es fast gar nicht mehr, ohne Scheiß.«
Ist dies ein Zustand, den du akzeptiert hast?
»Ja, denn eigentlich will ich es gar nicht anders haben.«
Eric: »Mir gelingt das Abschalten häufiger, denn meine Familie verlangt mir dies ab. Zur Zeit kann ich allerdings gar nicht abschalten, denn die Spannung ist viel zu groß. Zu Hause, bei Frau und Kind, versuche ich aber stets, nicht der Sänger von SUBWAY TO SALLY zu sein.«
Eric, vermißt du manchmal die Erlebnisse, als du noch genügend Zeit hattest, um gemeinsam mit Ingo als Irish-Folk-Duo durch die kleinen Clubs zu tingeln?
»Nicht wirklich, denn mit SUBWAY TO SALLY auf der Bühne zu stehen, ist unvergleichlich schön. Andererseits waren diese alten Zeiten auch klasse, und ich habe vor, wieder was Ähnliches zu machen. Ich arbeite mit unserem Gitarristen Simon an einem neuen Projekt. Es geht um folkige Sachen, also um meine Wurzeln.«
Bist du eher Minnesänger oder Rockmusiker?
»Ein Rockmusiker von Herzen. Vergiß mal meine Stimme. Die ist sicherlich nicht typisch Rock.«
»Ich habe kürzlich mal nachgerechnet«, übernimmt der Gitarrist. »Mit Eric stand ich ungefähr 700mal auf der Bühne. Beim letzten Konzert habe ich ihn sehr intensiv beobachtet, als wäre es das erste Mal. Und ich dachte nur: Was macht der denn da? Das ist ja hammergeil, wie der sich reinkniet!«
Wenn eine Band jahrelang aktiv ist, sowohl in künstlerischer als auch in kommerzieller Hinsicht größer wird, gerät sie immer tiefer in die Irrungen und Wirrungen des Musikgeschäfts. Ist dies ein eher lästiger Bestandteil eures Lebens?
»Als unangenehm empfinde ich das nicht«, bemerkt der Texter. »Im Gegenteil: Ich denke, daß ich bislang zu wenig in das Business hineingerochen habe, obwohl ich es sehr interessant finde. Glücklicherweise sind wir nie richtig enttäuscht worden. Wenn ich jetzt zurückschaue, bin ich jeder Person dankbar, die mit uns ein Stück unseres Weges gegangen ist.«
Einige Personen sind im Laufe der Jahre auf der Strecke geblieben. Bei wem bedauert ihr dies?
Michael: »Bei Thomas, unserem alten Drummer. Da muß man ganz offen sagen, daß er der Weiterentwicklung der Band geopfert wurde. Das war in menschlicher Hinsicht eine schwere Sache, und wir haben uns alles andere als toll gefühlt.«
Eric: »Ende des vergangenen Jahres kam er zu unserem Konzert im Potsdamer „Lindenpark“. Wenn du plötzlich vor jemandem spielst, mit dem du drei Jahre lang auf Tour warst und der jetzt nur noch Zuschauer ist, tut das schon weh.«
Wie würdet ihr die einzelnen Charaktere der Band in wenigen Worten beschreiben?
Michael: »Eric ist nicht nur Sternzeichen Zwilling, sondern auch der Mann mit den zwei Gesichtern.«
Eric: »Michael hat einen Kopf mit dem Inhalt eines halben Kubikmeters und sehr große Füße.«
Michael: »Ingo ist der Mann vom anderen Stern, der Mann mit dem absoluten Wahnsinn, der dringend eine Freundin braucht. Silke (Volland – d.Verf.), die Göttin mit der Geige, ist das ausgleichende Element in der Band und die Frau, mit der ich nie zusammenleben würde, hihi. Simon dagegen ist der Mann mit dem Herzen eines Kriegers und dem Äußeren eines Pantoffeltierchens«
Eric: »Auf unseren Basser Silvio trifft diese Beschreibung ebenfalls perfekt zu. Und unser Drummer David ist der kompromißloseste Musiker von uns: der Keil, der uns antreibt.«
Michael hat für „Hochzeit“ weitaus mehr Texte geschrieben als für frühere Alben. Etwa 25 Stück waren es, wie er bereits vor Monaten berichtete.
»Es gibt noch Texte von ihm, auf die ich richtig Bock habe«, sagt Eric.
»Na ja, die Lyrics sind ja nicht weg. Die liegen auf Halde und werden vielleicht später für Songs verwendet«, erklärt Michael. »Eric war manchmal ziemlich traurig, daß uns für den einen oder anderen Text keine gute Songidee kam. Auf „Hochzeit“ stehen mit ´Sabbath´ und ´Aufstand´ übrigens zwei Songs, deren Lyrics ich bereits für das letzte Album geschrieben hatte. Es war wie verhext. Ingo machte und rackerte, aber es wollte einfach nicht funktionieren. Wir haben zu den Texten immer ein konkretes Bild vor Augen und wissen eigentlich ganz genau, wie die Musik klingen soll. Aber Ingo konnte damals die Songs nicht schreiben. Eines Tages kam er, schob ein Tape ein und verkündete stolz: „Hier ist mein Demo.“ Zu hören waren ´Sabbath´ und ´Aufstand´...«
Apropos ´Aufstand´: In dem schleppend-verspielten Stück geht es um einen zutiefst friedlichen Menschen, der sich mit der Waffe gegen einen Wolf wehren muß, als dieser seine Herde überfällt - eine Parabel, in der immer wieder die Textzeile „Bruder, du bist tief gefallen“ auftaucht. Kritik an der notwendigen Gegenwehr?
Michael: »Als Kind habe ich Bilder gemalt, auf denen eine Faust aus dem Himmel kam, um Vietnam zu befreien. Heute versuche ich, mit Bildern zu spielen. Wenn man immer nur wehrlos ist oder immer nur nett sein will, kommt man irgendwann unter die Räder. Der Sprecher in dem Lied versucht, den braven Mann aufzurütteln, und fragt ihn sinngemäß: „Willst du so lange warten, bis dich jemand aus dem Schlamassel heraushaut?“ Doch es gibt noch ein weiteres Element in dieser Geschichte: Wenn man dann endlich handelt und den Wolf erschlägt, kann man es nicht mehr rückgängig machen. Der Wolf ist tot. Aber kann der Mann das Schwert tatsächlich für immer in die Ecke stellen?«
Die Aufforderung, wachsam zu bleiben...
»Genau. Aber nicht unbedingt im kriegerischen Sinne. Wir hätten das Stück ja auch mit Schlachtenlärm untermalen können, haha. Aber auf so eine Idee würden wir nie kommen.«
Vor allem zwei Stücke dürften von SUBWAY TO SALLY-Fans künftig bei Konzerten lautstark gefordert und abgefeiert werden. Da wäre einerseits ´Ohne Liebe´, dessen messerscharfer Kontrast aus todernster Lyrik und schnell-beschwingter Musik die Genialität der Band untermauert, und andererseits ´Henkersbraut´, das mit seinen Chören, dem simplen Riffing und der geheimnisvollen Schilderung des Lebens einer jungen Frau die Hörer im Sturm nehmen dürfte. Hier zeigt sich die Klasse des Texters, denn der Hörer hat nicht die Möglichkeit, die Rolle des distanzierten Dritten einzunehmen. Er steht inmitten des Geschehens, muß daran teilhaben, ob er will oder nicht. Michaels Bilder leben, die Handlung ist rasant und voller Farben. Wer ist die „Henkersbraut“?
Michael: »Sie ist ein Opfer der Umstände.«
Eric: »Es gab vor langer Zeit den Brauch, daß eine Straftäterin nur dem Galgen entfliehen konnte, wenn der Henker sie zur Ehefrau nahm. Die Frage ist, ob diese Frau schuldig ist oder nicht. Und wenn ja: Wessen ist sie schuldig?«
Michael: »Ich hatte sogar zwei Versionen geschrieben. In der einen ist sie schuldig, in der anderen nicht.«
Und ihr habt euch für die unschuldige Frau entschieden...
Michael: »Nein, für die schuldige.«
Für mich ist diese Frau aber nicht schuldig...
Eric: »Vom moralischen Standpunkt aus ist sie nicht schuldig, das stimmt.«
Michael: »Sie ist schuldig gesprochen worden.«
Eric: »Aber sie ist unschuldig vor Gott und der Welt.«
Michael: »Ich habe versucht, in diesem Stück zwei Ebenen zu finden: die Handlung und den religiösen Hintergrund, denn der Refrain ist ein abgewandeltes Kirchenlied. Statt „Es kommt die Braut voll Herrlichkeit“ heißt es eigentlich „Hier kommt der Herr...“. Solange es einen Papst gibt, für den Empfängnisverhütung unmoralisch ist, gelten bei ihm Frauen, die frei über Schwangerschaft entscheiden wollen, als schuldig. Als wir die fertigen Songs zum ersten Mal in der Reihenfolge gehört haben, wie sie nun auf dem Album stehen, gab es innerhalb der Band seltsame Reaktionen. Nach ´Sabbath´ schauten wir uns an und flachsten: „Jetzt drehen die Leute zu Hause ihre Kreuze um.“ Und zwei Songs später rief Ingo: „Jetzt stehen die Leute auf und nehmen die Kreuze komplett von der Wand!“ Diese Platte ist wirklich hart!«
Die „Henkersbraut“ hat ihr Kind abgetrieben. Wurde sie vergewaltigt?
Michael: »Ja.«
Denkst du neuzeitlich und schreibst dann sozusagen altmodisch?
»Eigentlich nicht, es geschieht jedenfalls nicht bewußt. Eric und ich haben eine ganz enge Bindung und eine besondere Art, deutsche Texte zu schreiben und zu singen. Es gibt Leute, die das überhaupt nicht mögen. Aber für uns geht es nur so.«
Eric: »Manchmal hatte ich Bedenken, ob ich durch meine Art zu singen, durch meine Stimme überhaupt zu dieser Band passe.«
Michael: »Genau. Wir brauchen eine tiefe Stimme mit rollendem „r“...«

Wolf-Rüdiger Mühlmann

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