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RockHard - Zum Wodga passen keine Rolling Stones
Veröffentlicht am 27.02.2010 von Darkangel | Aufrufe: 190
Sind ostdeutsche Bands erfolgreicher und origineller als ihre Westkollegen?

Die pauschale Betrachtung der Szenen in West- und Ostdeutschland ist längst nicht mehr neu. Ostdeutsche Bands seien innovativer, fleißiger und daher erfolgreicher. Die ostdeutsche Metal- und auch Electro/Industrial-Szene sei zudem begeisterungsfähiger und fanatischer. Stimmt das wirklich?

Oberflächlich betrachtet könnte an diesen Behauptungen etwas dran sein. Bands wie Rammstein, Subway To Sally oder In Extremo sind stilistisch einzigartig und feiern hart erarbeitete Erfolge. Corvus Corax, Think About Mutation, Dritte Wahl oder Die Apokalyptischen Reiter sind einheimische Speerspitzen in ihren jeweiligen Genres – von Mittelaltermusik über Dance Metal und derben Punk bis hin zu extremstem Metal. Aber was ist mit den Ärzten, den Böhsen Onkelz, Running Wild oder Gamma Ray – also den großen Namen aus Frankfurt oder Hamburg? Auch wenn jene Westgrößen (subjektiv betrachtet) alles andere als innovativen Sounds frönen: Erfolgreiche Szene-Originale sind sie dennoch.
Wo also liegen die tatsächlichen Unterschiede zwischen den ungewöhnlichen Ostbands und ihren Kollegen aus den alten Bundesländern?
Nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989 zerbrach die ostdeutsche Rockszene in zwei große Lager. Auf der einen Seite standen Musiker, denen bewusst wurde, dass die Zeit der Isolation und Chancenlosigkeit vorbei war. Sie gründeten Bands und versuchten ihr Glück in der musikalischen Marktwirtschaft. Auf der anderen Seite standen Bands, die innerhalb der DDR erfolgreich und im DDR-Fernsehen aufgetreten waren, die bereits LPs veröffentlicht hatten und deren Songs im Staatsfunk gesendet wurden. Von diesen Bands wollte man direkt nach der Wende nichts mehr wissen. Heute sind Karat, Silly oder City nur noch graumelierter Bestandteil der im MDR/ORB-Einzugsgebiet überpräsenten Ostalgie.
»Es gibt eine Musikergeneration, zu der ich mich auch zähle, die mit der Wende einen Neuanfang gewagt und es auch geschafft hat«, erinnert sich Bodenski, Gitarrist und Texter von Subway To Sally. »Ich glaube, dass die betroffenen Bands einfach viel zu lange darauf gewartet hatten, eine Chance zu bekommen. Wir waren sehr hungrig und bereit, jeden vom Futternapf wegzustoßen – bis wir gemerkt haben, dass man sehr geduldig sein muss, um an den Napf gelassen zu werden.«
Was sich in Geduld üben heißt, erklärt Doro Peters, Verlegerin und zeitweise Labelchefin von Subway To Sally: »Ich finde grundsätzlich toll, dass die Bands aus den neuen Bundesländern endlich ernst genommen werden. Das war in den ersten Jahren nach der Wende ganz anders. Da sagten einige Journalisten bei der Promotion von Subway To Sally: "Warte mal, demnächst machen wir ein Ostspecial. Da können wir auch diesen Bandnamen erwähnen." Ich wollte aber kein Ostspecial, sondern einen Artikel, wie ihn andere Bands auch bekommen.«
Die anfängliche Arroganz westdeutscher Journalisten gegenüber Bands aus Ostberlin, Leipzig oder Dresden war recht schnell verflogen. Denn Subway To Sally verkauften von ihrem ersten Album "1994" locker über 10.000 Einheiten, eine Gruppe mit dem Zungenbrechernamen The Inchtabokatables machte Westclubs voll, ja selbst harmlose Jungs mit jeder Menge Schwiegersohn-Appeal wie Die Prinzen hatten Anteil am wachsenden Respekt gegenüber der Szene Ost.
Der Vorteil solcher Bands gegenüber Musikern aus Westdeutschland lag klar auf der Hand: langjährige Ausbildungen an Musikschulen, langjährige Tourerfahrung, aus früherem Mangel an allem angelernter Einfallsreichtum sowie der Wille zu aufreibenden Touren bei Minimallohn und miesem Komfort – obwohl man keine süße 17 mehr ist.
Bodenski: »Mit dem Fall der Mauer machte sich eine gute musikalische Ausbildung und die große Live-Erfahrung bezahlt. Seltsamerweise trifft das kaum auf Bands zu, die vor der Wende im Osten schon etabliert waren. Diesen Bands war ein Neuanfang möglicherweise zu aufreibend, da sie es ja schon mal „geschafft" hatten.«
Viele Ostbands, die in den letzten Jahren dauernd unterwegs waren, hatten zudem das Glück, mit einer guten Booking-Agentur zu arbeiten, die mit den Bands gewachsen ist. Bleibt die Frage: Wie viele deutsche Bands haben ein derartig hohes musikalisches und visuelles Potenzial, dass sie wie Subway To Sally oder In Extremo jährlich 100 bis 120 erfolgreiche Konzerte bestreiten können – und die Fans noch immer nicht gesättigt sind?
Auch Ostdeutschlands Aushängeschild Nummer eins und größte deutsche Rockband der Gegenwart, Rammstein, hat einen großen Teil ihres Erfolges vor allem ihrem exzessiven Touring zu verdanken. Sieht man von der Hitsingle ´Engel´ ab, war der Sound von Till Lindemann & Co. für flächendeckendes Radio- und TV-Airplay stets zu heftig. Diese beiden Medieninstanzen fielen als Erfolgsmacher schon einmal aus. Also blieben nur die Printmedien und die Konzerthallen. Auch in den USA haben sich Rammstein ihre goldene Schallplatte hart erarbeitet: Festivals, Gigs in Vorprogrammen, später die erste Headlinertour... Dass die Berlin-Schweriner Band live eine Attraktion ist, wird selbst der Rammstein-Hasser zugeben müssen. Geht man ganz an den Anfang der Geschichte dieser außergewöhnlichen Combo zurück, dann kommt die Erinnerung auf, dass Rammstein bereits vor ihrem Plattenvertrag mit Motor Music (zumindest in Ostdeutschland) die Clubs pausenlos beackert hatten. Ich weiß noch, wie die Band 1993 im sächsischen Ebersbrunn als "Gruppe mit Musikern von Feeling B (Punkband, in der Flake und Paul spielten) und The Inchtabokatables (dort spielte Basser Oliver Riedel)" angekündigt wurde. Allein wegen der Vorgeschichte der Rammsteine und wegen der Mund-zu-Mund-Propaganda über einen "total neuen, geilen Sound" pilgerten stets mindestens 500 Fans in die Ostclubs...
»Ich denke, dass Ostbands eher das Verständnis haben, dass eine Musikerkarriere erst mal mit häufigen Live-Konzerten verbunden ist«, glaubt auch der im Hamburg lebende Eric Burton, Musikpromoter und Sänger der Electro-Rock-Band Catastrophe Ballett. »Im Westen bekommen viele Bands schon einen Labeldeal, bevor sie zehn Liveshows hinter sich gebracht haben. Aber gerade die Konzerte prägen junge Bands und vermitteln Erfahrungen. Nur dadurch lernt man, dass ein achtminütiges Gitarrensolo zwischen der zweiten und dritten Strophe nicht unbedingt zuschauerfreundlich sein muss.«
Zweifler an einem ganz besonderen Verhältnis zwischen Musiker und ihrem Publikum sollten einmal ein Konzert von Subway To Sally – meinetwegen im Ruhrpott – besuchen...
Welchen Ursprung könnte die Behauptung haben, ostdeutsche Bands seien innovativer? Zunächst muss man die Frage nach den Einflüssen der entsprechenden Musiker klären. Hier trifft mit Eric Burton ausgerechnet ein Westdeutscher mit doppelter (amerikanischer) Staatsbürgerschaft den Nagel auf dem Kopf: »Während im Westen die meisten Bands gegründet werden, weil man Vorbildern nacheifern will, haben Ostgruppen einfach nur die Nutzung der eigenen Kreativität zum Ziel. Allerdings hat sich das mittlerweile auch geändert, da ja seit über zehn Jahren die jungen Leute in Ost und West mit derselben Musik aufwachsen.«
Eben weil Ostdeutsche früher gar nicht die Gelegenheit hatten, mit englischer und amerikanischer Musik und westeuropäischer Kultur eng in Verbindung zu kommen, bildete sich ein anderes künstlerisches Verständnis. Ein Beispiel: Mittelaltermusik, Folk und Folklore wurden in Ostdeutschland ein größerer Bestandteil von Jugendmusik als im Westen. Und so entstand in Westdeutschland nie eine Gruppe, die es qualitativ und kommerziell mit In Extremo oder mit Corvus Corax aufnehmen könnte.
»Ich glaube, dass man sich im Osten mehr mit der eigenen Musikkultur beschäftigt hatte und viele Musiker genau da ihre Wurzeln sehen und nutzen«, ist sich Doro Peters sicher. Und Bodenski von Subway To Sally meint: »Wir sind, ob wir wollen oder nicht, stärker durch liedhafte und durch internationale folkloristische Spielarten beeinflusst als die gleiche Generation im Westen. Das in der DDR jährlich abgehaltene Festival des politischen Liedes – so blöde das jetzt klingen mag – hat für den Ostberliner Raum in Ermangelung von Alternativen den Stellenwert eines internationalen Rockfestivals gehabt.«
Wer mal den Versuch unternommen hat, in einem DDR-Plattenladen eine Mercyful Fate-Platte zu erstehen, werde laut Volkmar Weber von Die Apokalyptischen Reiter verstehen, dass die musikalischen Einflüsse im Osten zwangsläufig anders waren als die in Westdeutschland. »Es gab solche Platten einfach nicht zu kaufen. Und als 1989 die Grenzen geöffnet wurden und die Plattenläden endlich Metal-Musik führten, gab es plötzlich Bands wie Pungent Stench, Benediction oder Deicide. Diese Platten wurden zuerst gekauft, erst danach kamen die alten Helden. Ob das der Grund dafür ist, dass es wesentlich mehr Death- und Black Metal-Fans im Osten gibt, weiß ich nicht. Vielleicht ist es auch ein wenig slawischer Spirit, den unsere russischen Besatzer 40 Jahre lang unters Volk gemischt haben. Vielleicht passt Wodka einfach besser zu Death-Grind als zu Power Metal.«
Andere musikalische und sprachliche Einflüsse führen zwangsläufig zu anderen Texten. Logisch, wenn die englische Sprache nicht mal annähernd so präsent war wie die russische. Und wer sang schon gern Rocklieder auf russisch? Also blieb nur noch die Muttersprache.
Bodenski: »Ich bin mit einer sehr bildreichen und überwiegend deutsch singenden Musikszene aufgewachsen. Unsere ersten musikalischen Gehversuche in der neunten Klasse bestanden nicht darin, UFO nachzuspielen, sondern eigene deutsche Songs zu schreiben.«
Ostbands, so Volkmar Weber, setzen öfter auf deutsche Sprache als westdeutsche Gruppen. »Wir werden ja erst seit zehn und nicht seit fünfzig Jahren mit amerikanischer Kultur zugeschüttet. Deutsche Sprache zu verwenden, hat viel mit Rückbesinnung und Spiritualität zu tun, also einer Sache, die viele Deutsche gar nicht mehr kennen oder teilweise sogar negativ sehen. Ostdeutsche, die bewusst die DDR erlebten, haben ein viel stärkeres Interesse und auch größere Kenntnisse in geschichtlichen Dingen, eben weil die Möglichkeiten in der DDR beschränkt waren und man sich ja trotzdem mit irgendwas beschäftigen musste. Denn die "neuen Ostdeutschen", die jetzt heranwachsen, weisen die gleiche Oberflächlichkeit auf wie ihre westlichen Brüder und Schwestern. Die Schneller-höher-weiter-Gesellschaft verhindert es konsequent, Geschichte und Spiritualität für sich als Mensch zu entdecken.«
Das einzige Problem an der Innovation sei ihre Widerspiegelung in den elektronischen Medien, glaubt Bodenski. Er habe mit großem Interesse "Pop 2000" gesehen, eine wirklich gelungene Doku-Serie auf Viva über die Geschichte der deutschen Pop- und Rockmusik.
»Was dort für Bands und Innovationen abgefeiert wurden! Einfach großartig! Das ist nicht zynisch gemeint. Und dann kommen die neunziger Jahre und die Gegenwart – und aus! Vorbei! Wir waren in diesem Land schon mal viel weiter. Inzwischen traut sich keiner, der beim Radio oder TV arbeitet, einen eigenen Musikgeschmack zu.«
Er würde es niemals befürworten, dass man in irgendeiner Art und Weise den Anteil deutscher Produktionen in den Medien regelt.
»Ich frage mich nur, ob die Besetzung Westdeutschlands stärkere kulturhistorische Spuren zeitigt als die der Russen im Osten. Wer als Jugendlicher die guten, alten Stones gehört hat und heute bei einem ähnlich betitelten Magazin arbeitet, wird unbewusst jede Neuerscheinung danach beurteilen, ob sie denn auch ja "gute, alte Gefühle" wecken kann.«

Wolf-Rüdiger Mühlmann

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