Sind ostdeutsche Bands erfolgreicher und origineller als ihre Westkollegen?
Die pauschale Betrachtung der Szenen in West- und Ostdeutschland ist
längst nicht mehr neu. Ostdeutsche Bands seien innovativer, fleißiger
und daher erfolgreicher. Die ostdeutsche Metal- und auch
Electro/Industrial-Szene sei zudem begeisterungsfähiger und fanatischer.
Stimmt das wirklich?
Oberflächlich betrachtet könnte an diesen Behauptungen etwas dran
sein. Bands wie Rammstein, Subway To Sally oder In Extremo sind
stilistisch einzigartig und feiern hart erarbeitete Erfolge. Corvus
Corax, Think About Mutation, Dritte Wahl oder Die Apokalyptischen Reiter
sind einheimische Speerspitzen in ihren jeweiligen Genres – von
Mittelaltermusik über Dance Metal und derben Punk bis hin zu extremstem
Metal. Aber was ist mit den Ärzten, den Böhsen Onkelz, Running Wild oder
Gamma Ray – also den großen Namen aus Frankfurt oder Hamburg? Auch wenn
jene Westgrößen (subjektiv betrachtet) alles andere als innovativen
Sounds frönen: Erfolgreiche Szene-Originale sind sie dennoch.
Wo also liegen die tatsächlichen Unterschiede zwischen den
ungewöhnlichen Ostbands und ihren Kollegen aus den alten Bundesländern?
Nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989 zerbrach die ostdeutsche
Rockszene in zwei große Lager. Auf der einen Seite standen Musiker,
denen bewusst wurde, dass die Zeit der Isolation und Chancenlosigkeit
vorbei war. Sie gründeten Bands und versuchten ihr Glück in der
musikalischen Marktwirtschaft. Auf der anderen Seite standen Bands, die
innerhalb der DDR erfolgreich und im DDR-Fernsehen aufgetreten waren,
die bereits LPs veröffentlicht hatten und deren Songs im Staatsfunk
gesendet wurden. Von diesen Bands wollte man direkt nach der Wende
nichts mehr wissen. Heute sind Karat, Silly oder City nur noch
graumelierter Bestandteil der im MDR/ORB-Einzugsgebiet überpräsenten
Ostalgie.
»Es gibt eine Musikergeneration, zu der ich mich auch zähle, die mit
der Wende einen Neuanfang gewagt und es auch geschafft hat«, erinnert
sich Bodenski, Gitarrist und Texter von Subway To Sally. »Ich glaube,
dass die betroffenen Bands einfach viel zu lange darauf gewartet hatten,
eine Chance zu bekommen. Wir waren sehr hungrig und bereit, jeden vom
Futternapf wegzustoßen – bis wir gemerkt haben, dass man sehr geduldig
sein muss, um an den Napf gelassen zu werden.«
Was sich in Geduld üben heißt, erklärt Doro Peters, Verlegerin und
zeitweise Labelchefin von Subway To Sally: »Ich finde grundsätzlich
toll, dass die Bands aus den neuen Bundesländern endlich ernst genommen
werden. Das war in den ersten Jahren nach der Wende ganz anders. Da
sagten einige Journalisten bei der Promotion von Subway To Sally: "Warte
mal, demnächst machen wir ein Ostspecial. Da können wir auch diesen
Bandnamen erwähnen." Ich wollte aber kein Ostspecial, sondern einen
Artikel, wie ihn andere Bands auch bekommen.«
Die anfängliche Arroganz westdeutscher Journalisten gegenüber Bands
aus Ostberlin, Leipzig oder Dresden war recht schnell verflogen. Denn
Subway To Sally verkauften von ihrem ersten Album "1994" locker über
10.000 Einheiten, eine Gruppe mit dem Zungenbrechernamen The
Inchtabokatables machte Westclubs voll, ja selbst harmlose Jungs mit
jeder Menge Schwiegersohn-Appeal wie Die Prinzen hatten Anteil am
wachsenden Respekt gegenüber der Szene Ost.
Der Vorteil solcher Bands gegenüber Musikern aus Westdeutschland lag
klar auf der Hand: langjährige Ausbildungen an Musikschulen,
langjährige Tourerfahrung, aus früherem Mangel an allem angelernter
Einfallsreichtum sowie der Wille zu aufreibenden Touren bei Minimallohn
und miesem Komfort – obwohl man keine süße 17 mehr ist.
Bodenski: »Mit dem Fall der Mauer machte sich eine gute musikalische
Ausbildung und die große Live-Erfahrung bezahlt. Seltsamerweise trifft
das kaum auf Bands zu, die vor der Wende im Osten schon etabliert waren.
Diesen Bands war ein Neuanfang möglicherweise zu aufreibend, da sie es
ja schon mal „geschafft" hatten.«
Viele Ostbands, die in den letzten Jahren dauernd unterwegs waren,
hatten zudem das Glück, mit einer guten Booking-Agentur zu arbeiten, die
mit den Bands gewachsen ist. Bleibt die Frage: Wie viele deutsche Bands
haben ein derartig hohes musikalisches und visuelles Potenzial, dass
sie wie Subway To Sally oder In Extremo jährlich 100 bis 120
erfolgreiche Konzerte bestreiten können – und die Fans noch immer nicht
gesättigt sind?
Auch Ostdeutschlands Aushängeschild Nummer eins und größte deutsche
Rockband der Gegenwart, Rammstein, hat einen großen Teil ihres Erfolges
vor allem ihrem exzessiven Touring zu verdanken. Sieht man von der
Hitsingle ´Engel´ ab, war der Sound von Till Lindemann & Co. für
flächendeckendes Radio- und TV-Airplay stets zu heftig. Diese beiden
Medieninstanzen fielen als Erfolgsmacher schon einmal aus. Also blieben
nur die Printmedien und die Konzerthallen. Auch in den USA haben sich
Rammstein ihre goldene Schallplatte hart erarbeitet: Festivals, Gigs in
Vorprogrammen, später die erste Headlinertour... Dass die
Berlin-Schweriner Band live eine Attraktion ist, wird selbst der
Rammstein-Hasser zugeben müssen. Geht man ganz an den Anfang der
Geschichte dieser außergewöhnlichen Combo zurück, dann kommt die
Erinnerung auf, dass Rammstein bereits vor ihrem Plattenvertrag mit
Motor Music (zumindest in Ostdeutschland) die Clubs pausenlos beackert
hatten. Ich weiß noch, wie die Band 1993 im sächsischen Ebersbrunn als
"Gruppe mit Musikern von Feeling B (Punkband, in der Flake und Paul
spielten) und The Inchtabokatables (dort spielte Basser Oliver Riedel)"
angekündigt wurde. Allein wegen der Vorgeschichte der Rammsteine und
wegen der Mund-zu-Mund-Propaganda über einen "total neuen, geilen Sound"
pilgerten stets mindestens 500 Fans in die Ostclubs...
»Ich denke, dass Ostbands eher das Verständnis haben, dass eine
Musikerkarriere erst mal mit häufigen Live-Konzerten verbunden ist«,
glaubt auch der im Hamburg lebende Eric Burton, Musikpromoter und Sänger
der Electro-Rock-Band Catastrophe Ballett. »Im Westen bekommen viele
Bands schon einen Labeldeal, bevor sie zehn Liveshows hinter sich
gebracht haben. Aber gerade die Konzerte prägen junge Bands und
vermitteln Erfahrungen. Nur dadurch lernt man, dass ein achtminütiges
Gitarrensolo zwischen der zweiten und dritten Strophe nicht unbedingt
zuschauerfreundlich sein muss.«
Zweifler an einem ganz besonderen Verhältnis zwischen Musiker und
ihrem Publikum sollten einmal ein Konzert von Subway To Sally –
meinetwegen im Ruhrpott – besuchen...
Welchen Ursprung könnte die Behauptung haben, ostdeutsche Bands
seien innovativer? Zunächst muss man die Frage nach den Einflüssen der
entsprechenden Musiker klären. Hier trifft mit Eric Burton ausgerechnet
ein Westdeutscher mit doppelter (amerikanischer) Staatsbürgerschaft den
Nagel auf dem Kopf: »Während im Westen die meisten Bands gegründet
werden, weil man Vorbildern nacheifern will, haben Ostgruppen einfach
nur die Nutzung der eigenen Kreativität zum Ziel. Allerdings hat sich
das mittlerweile auch geändert, da ja seit über zehn Jahren die jungen
Leute in Ost und West mit derselben Musik aufwachsen.«
Eben weil Ostdeutsche früher gar nicht die Gelegenheit hatten, mit
englischer und amerikanischer Musik und westeuropäischer Kultur eng in
Verbindung zu kommen, bildete sich ein anderes künstlerisches
Verständnis. Ein Beispiel: Mittelaltermusik, Folk und Folklore wurden in
Ostdeutschland ein größerer Bestandteil von Jugendmusik als im Westen.
Und so entstand in Westdeutschland nie eine Gruppe, die es qualitativ
und kommerziell mit In Extremo oder mit Corvus Corax aufnehmen könnte.
»Ich glaube, dass man sich im Osten mehr mit der eigenen Musikkultur
beschäftigt hatte und viele Musiker genau da ihre Wurzeln sehen und
nutzen«, ist sich Doro Peters sicher. Und Bodenski von Subway To Sally
meint: »Wir sind, ob wir wollen oder nicht, stärker durch liedhafte und
durch internationale folkloristische Spielarten beeinflusst als die
gleiche Generation im Westen. Das in der DDR jährlich abgehaltene
Festival des politischen Liedes – so blöde das jetzt klingen mag – hat
für den Ostberliner Raum in Ermangelung von Alternativen den Stellenwert
eines internationalen Rockfestivals gehabt.«
Wer mal den Versuch unternommen hat, in einem DDR-Plattenladen eine
Mercyful Fate-Platte zu erstehen, werde laut Volkmar Weber von Die
Apokalyptischen Reiter verstehen, dass die musikalischen Einflüsse im
Osten zwangsläufig anders waren als die in Westdeutschland. »Es gab
solche Platten einfach nicht zu kaufen. Und als 1989 die Grenzen
geöffnet wurden und die Plattenläden endlich Metal-Musik führten, gab es
plötzlich Bands wie Pungent Stench, Benediction oder Deicide. Diese
Platten wurden zuerst gekauft, erst danach kamen die alten Helden. Ob
das der Grund dafür ist, dass es wesentlich mehr Death- und Black
Metal-Fans im Osten gibt, weiß ich nicht. Vielleicht ist es auch ein
wenig slawischer Spirit, den unsere russischen Besatzer 40 Jahre lang
unters Volk gemischt haben. Vielleicht passt Wodka einfach besser zu
Death-Grind als zu Power Metal.«
Andere musikalische und sprachliche Einflüsse führen zwangsläufig zu
anderen Texten. Logisch, wenn die englische Sprache nicht mal annähernd
so präsent war wie die russische. Und wer sang schon gern Rocklieder
auf russisch? Also blieb nur noch die Muttersprache.
Bodenski: »Ich bin mit einer sehr bildreichen und überwiegend
deutsch singenden Musikszene aufgewachsen. Unsere ersten musikalischen
Gehversuche in der neunten Klasse bestanden nicht darin, UFO
nachzuspielen, sondern eigene deutsche Songs zu schreiben.«
Ostbands, so Volkmar Weber, setzen öfter auf deutsche Sprache als
westdeutsche Gruppen. »Wir werden ja erst seit zehn und nicht seit
fünfzig Jahren mit amerikanischer Kultur zugeschüttet. Deutsche Sprache
zu verwenden, hat viel mit Rückbesinnung und Spiritualität zu tun, also
einer Sache, die viele Deutsche gar nicht mehr kennen oder teilweise
sogar negativ sehen. Ostdeutsche, die bewusst die DDR erlebten, haben
ein viel stärkeres Interesse und auch größere Kenntnisse in
geschichtlichen Dingen, eben weil die Möglichkeiten in der DDR
beschränkt waren und man sich ja trotzdem mit irgendwas beschäftigen
musste. Denn die "neuen Ostdeutschen", die jetzt heranwachsen, weisen
die gleiche Oberflächlichkeit auf wie ihre westlichen Brüder und
Schwestern. Die Schneller-höher-weiter-Gesellschaft verhindert es
konsequent, Geschichte und Spiritualität für sich als Mensch zu
entdecken.«
Das einzige Problem an der Innovation sei ihre Widerspiegelung in
den elektronischen Medien, glaubt Bodenski. Er habe mit großem Interesse
"Pop 2000" gesehen, eine wirklich gelungene Doku-Serie auf Viva über
die Geschichte der deutschen Pop- und Rockmusik.
»Was dort für Bands und Innovationen abgefeiert wurden! Einfach
großartig! Das ist nicht zynisch gemeint. Und dann kommen die neunziger
Jahre und die Gegenwart – und aus! Vorbei! Wir waren in diesem Land
schon mal viel weiter. Inzwischen traut sich keiner, der beim Radio oder
TV arbeitet, einen eigenen Musikgeschmack zu.«
Er würde es niemals befürworten, dass man in irgendeiner Art und Weise den Anteil deutscher Produktionen in den Medien regelt.
»Ich frage mich nur, ob die Besetzung Westdeutschlands stärkere
kulturhistorische Spuren zeitigt als die der Russen im Osten. Wer als
Jugendlicher die guten, alten Stones gehört hat und heute bei einem
ähnlich betitelten Magazin arbeitet, wird unbewusst jede Neuerscheinung
danach beurteilen, ob sie denn auch ja "gute, alte Gefühle" wecken
kann.«
Wolf-Rüdiger Mühlmann
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