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1997 - Saarbrücken
Veröffentlicht am 09.12.1997 von Unbekannt | Aufrufe: 195
08.12.1997 - Subway to Sally, Megaherz – Saarbrücken Grage

Eine etwas ungewöhnliche Szenerie bot sich mir, als ich die »Garage« betrat: Es war das erste Konzert, daß ich nicht auf der Hauptbühne, sondern in der eigens umfunktionierten Vorhalle erlebte. Dementsprechend klein und niedrig war auch die Bühne, auf der von Rotlicht angestrahlt das Drumkit sehr imposant mit Stierschädeln und Spinnweben geschmückt war. Dazu tönte vom Band eine Musik, die ich spontan als Latin-Jazz-Fusion klassifizieren würde. Sehr surreal, das Ganze...

Leider ging es dann allzu gewöhnlich los. Die Münchner Recken von Megaherz scheinen ausgezogen zu sein, um Rammstein das Fürchten zu lehren. Denn man schaffte das schier Unglaubliche, noch prolliger und plakativer zu sein als das große Vorbild. Nüchtern kaum zu ertragen, entfalten Megaherz wohl erst nach entsprechendem Alkoholkonsum ihre Reize – vor allem, was die »Ich fick dich«-Lyrik angeht... Jedenfalls hatte ich den leisen Verdacht, daß der Frontmann mehr Zeit mit Bodybuilding als mit Texteschreiben verbringt. Angesichts der Charterfolge der Berliner Sehnsüchtler war es auch nicht verwunderlich, daß ein Großteil des Publikums begeistert von den Münchnern war. Bei aller Partytauglichkeit stellte ich mir allerdings die bange Frage, wie viele Rammstein-Klones wohl noch auf uns losgelassen werden... Ein Support von Inchtabokatables (wie bei anderen Gigs der »Bannkreis«-Tour), The Merlons oder auch Corvus Corax wäre allemal stimmungsvoller gewesen.

Subway To Sally wurden von der ersten Minute an frenetisch gefeiert. Wo andere Gruppen auf eine Verschmelzungen mittelalterlicher Elemente mit Electro und Industrial setzen (wie etwa Qntal und The Moon lay hidden beneath a Cloud) und damit in avantgardistischen Wassern schwimmen, bedienen sich die Potsdamer Klangalchimisten bei Punk-Rock und Metal, um eine zeitgemäße Form folkloristischer Traditionen darzubieten. Diese derbe Melange prädestiniert die Musik der Band geradezu zu einer Liveumsetzung. Dabei ist es erstaunlich, wie sehr die alten Streich- und Blasinstrumente (und Subway To Sally fahren einige dieser Geschütze auf) mit den bratzigen E-Gitarren und dem treibenden Schlagzeug harmonieren. Welche andere Band könnte es sich noch erlauben, eine Dudelsackmelodie auf ein Death-Metal-Riff treffen zu lassen, ohne daß es lächerlich klingt? Authentische Stücke aus alter Zeit werden ironisch zitiert (wie z. B. der bekannte Saltarello im Mittelteil von »Die Braut«), daß es eine wahre Freude ist. Auch orientalische Klänge verleihen dem Sound eine eigene, kraftvolle Note. Einziges musikalisches Manko für mich als nicht gerade großen Freund von Griffbrettwichsereien waren die unvermeidlichen Gitarrensoli in der Mitte fast jedes Songs. Darüber konnte ich aber leicht hinwegsehen, da der Unterhaltungswert der Band dem einer mittelalterlichen Spielmannsbande in nichts nachstand. Dabei wurde das Spektakel nicht von den Pyroeffekten getragen, sondern von der großartigen Interaktion zwischen Band und Publikum. Schon mit dem ersten Stück schafften es Subway To Sally, die Menschen zum Tanzen und Springen zu bringen, und das blieb bis zum Schluß so. Die sympathischen Gaukler boten ein magisches Gebräu, daß einen den Alltag vergessen machte und alle überflüssige Schwermut negierte. Der Humor, der ihre Texte trug, war so trotzig wie das letzte Lachen einer Hexe auf dem Scheiterhaufen. Die Verzückung war komplett, als in der letzten von insgesamt fünf Zugaben Sigrid Hausens (Qntal, Estampie) elfengleicher Sopran erklang – wenn auch nur vom Band. Nachdem man dem Teufel guten Tag gesagt hatte, wußte man Bescheid: Das Mittelalter rockt, und das nicht zu knapp...

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