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2005 - Magdeburg
Veröffentlicht am 20.09.2005 von Ritti | Aufrufe: 160
22.09.2005 - Subway to Sally, Coppelius – Magdeburg Factory

Und der Kompass zeigt nach Norden...

...wenn man Subway to Sally in den mittlerweile 13 Jahren Ihres Schaffens eines nicht vorwerfen kann, dann ist es musikalischer Stillstand. Wann immer die Sieben aus dem brandenburgischen Potsdam mit neuem Material aufwarteten, hatten sie stets einige Überraschungen parat.

Nachdem das vergangenen Album "Engelskrieger" für manch altdienten Anhänger zum bösen Erwachen wurde, verliessen Subway to Sally mit "Nord Nord Ost" den eingeschlagenen Kriegspfad, um mit dem heisskalten Album "Nord Nord ost" ein poetisch leidenschaftliches Wechselspiel aus Feuer und Eis zu zelebrieren, welches manch erhitzes Gemüt kühlen und alte Leidenschaften neu entflammen würde.

Getragen von der neuerlichen Welle des Erfolgs (Nord Nord Ost chartete auf Platz 5 der deutschen Albumcharts) war es am heutigen Abend an der Zeit für die Einlösung eines Versprechens: Nach der unerträglich langen, nur durch einige Festivalgigs unterbrochenen Live-Pause, sollte in Magdeburgs angesagtestem Club, der Factory, die Uraufführung der neuen Subway to Sally Show über die Bühne gehen. Schließlich hatten es die Sieben bei ihrem letzten Auftritt im November letzten Jahres verprochen mit neuer Platte und neuer Show zurückzukehren. Dass sie sich deshalb jedoch gleich zum Tourauftakt wieder im Dominionclub einfinden würden, war schon eine kleine Überraschung.

Und so reihte sich gegen circa 19 Uhr eine hübsch hungrige Meute Dreiviertelverrückter (um mal die Worte eines gewissen Dr. Birger zu verwenden) vor dem Eingang der Factory, die sich bereits mit lautstarken "Blut Blut..."-Gesängen auf das Konzert einstimmten.

Begleitet vom Applaus der Seltsam feierlaunigen Truppe öffnete sich das Sesam mit mehrminütiger Verspätung, was angesichts der frühen Tageszeit nicht weiter störte. Zügig hinein gebeten, wurde stattdessen das Volk in rasantem Tempo durch den Sicherheitscheck geschleust und wartete vor einer weiteren, noch verschlossenen, Tür zum Saal auf seine "Bedienung", bzw. stattete Subway Chef-Merchandiser Rainer einen Höflichkeitsbesuch ab, um die neuen Artikel seines üppig bestückten Bauchladens in Augenschein zu nehmen oder auch sein reizende Kollegin der Supportband Coppelis, welche frisch korsiett samt stilvollem Kleid um 1800 und Zylinder ebenfalls auf "Kundschaft" wartete.

Nach einer Weile im Getümmel verstummten plötzlich die immer lauter werdenden Gesänge und die Schreie einiger hysterischer Damen, welche in in regelmässigen Abständen aus dem Foyer drangen, sodass Grund zu der Annahme bestand, die letzte Pforte hätte sich geöffnet. Und dem war auch so! Direkten Schrittes einem Schwall schwarzgekleideter Leiber folgend, machte ich mich alsdann auf den Weg gen Bühne, wo das Warten in eine neue Runde ging.

Doch die Ruhe währte nicht lange: Coppelius, so der Name der heutigen musikalischen Antreiber, gaben sich alsbald den entscheidenden Ruck, um zu blau schimmernder Bühnebeleuchtung und Kerzenschein die "Rückkehr des guten Tons" zu zelebrieren.

Angeführt von ihrem fleißigen Butler Bastille, der mit seinen eckigen Bewegungen und dem topmodischen Pinguin nicht von ungefähr an Bela Lugosis Darstellung des Dracula aus dem Jahre 1931 erinnerte, wenn auch mit deutlich längeren Haaren als gewohnt.

Während man sich im Zuschauerraum noch einigermassen die Augen über diesen geheimnisvollen Diener rieb, gesellte sich auch der Rest dieser illusteren Gestalten auf die Bühne, bis sich all jenen, die den Fehler begangen hatten noch nicht den Weg der 6 Berliner zu Kreuzen, das unfassbare offenbarte:

Mit Folkrock im Gehrock als Cellometaller und Klarinettenrebellen, Zelebrierten Coppelius einen brachialen Stilmix aus finnischem Apokalyptikerstrich und der Mos Eisley Space Bar, garniert mit viel Unterhaltung und einer gewaltigen Portion Pfeffer im Hintern. Oder um es auf den "Punk"t zu bringen: Die Wiederauferstehung der Inchtabokatables mit anderen Mitteln (zumal die Jungs seinerzeit auch noch auf deren Beerdigung spielten).

Auch wenn sich diese, entschuldigt bitte den Ausdruck. "komische Polkatruppe" zunächst etwas sperrig zu gehör brachte, dauerte es nicht lange, bis die hübsch stilvoll kostümierten Mannen um Kapellmeister Max Copella (Klarinette / Gesang) dem Magdeburger Fanzirkel beine gemacht hatten. Ausgelassen wie selten wurde bei einem Subway-Support gefeiert während das Treiben auf der Bühne immer wildere Züge anzunehmen drohte.

Angefangen beim Choreographisch lustig anzuschauenden Klarinettenkreiseln, über Sissy Voss´ Kontrabass mit Zylinder, über den immer energischer agierenden Copella, bis hin zum konsequent abmoschenden Bastille, der als Moderator des Abends ohnehin einen großen Teil der Show für vereinnahmte. Denn während die Band munter Iron Maiden Coverte und damit beim Publikum ordentlich abräumte, betrieb der Dienstbote des Hauses Coppelius nicht selten Konversation mit den "verehrten Gästen" des Hauses, um sie mit wissenswerten Details zu füttern oder sprachgewandt als Vermittler zwischen moderner und klassischer Musikterminologie zu fungieren, was mal wieder einer offenbarte: Menschen sind Herdentiere!

"Zugabe, Zugabe" rief das Magdeburger Volk und Bastille entgegnete: "Wie?...Ach Sie meinen Da Capo?!" "Jaaa, Da Capo, Da Capo" penterte der Pöbel. "Sind sie wirklich sicher, dass Sie "Da Capo" meinen?" frug es zurück. "Jaaa Da Capo!", ein einstimmiges Votum! Zugegeben, an dieser Stelle hätte das Publikum wohl alles genommen, was es irgendwie zu Gehör hätte bekommen können, aber die Nummer als solche war schon echt witzig.

Und so ging es gleich am ersten Abend für Coppelius in die Overtime, was Band wie Publikum gleichermassen erfreute. Schließlich hatte es in der Vergangenheit nicht selten Subway-Supportacts gegeben, die mit Mann und Maus untergingen oder vom wählerischen Fanvolk mit bockiger Nichtachtung und "wann spielen endlich Subway"-rufen abgewatscht wurden. Doch die Entscheidung Coppelius als Support mitzunehmen hatte sich zumindest heute als goldrichtig erwiesen und die Berliner bewiesen, dass man auch mit ungewöhlichen Mitteln, sprich, Cello, Klarinette, Schlagzeug und Kontrabaß einige Türen aus den Angeln heben kann.

Um Haarebreite daran vorbeigeschrammt, ihren Gastgebern die Show zu stehlen, überliessen Coppelius nach einer guten Dreiviertelstunde die Bühne an Subway to Sallys Technikabteilung. Während Backline Uwe, Monitor-Guru Toshi und all die anderen inwzischen bekannten Gestalten ihrer Pflicht nachgingen, konnte man spüren, wie die Spannung im Saal sich immer weiter verdichtete, bis schließlich, nach endlosen Qntal-untermalte Minuten das Feintuning abgeschlossen war und das Bühnenlicht erlosch.

Voller Erwartungen und der allgegenwärtigen "Was kommt jetzt"-Frage wendeten sich die Blicke in der gut besuchten, wenn auch nicht übervollen Factory in Richtung Bühne, als bereits das dimme Licht der Grünen Suchstrahler die verrauchte Luft zerschnitten, während mit Eric Fish, Simon und Bodenski die ersten Drei Akteure aus dem dunkel traten. "Stille Nacht, Heilige Nacht", schraubten die "Drei" den Temperaturpegel schlagartig gen Nord Nord Ost und eröffneten passend zum neuen Album mit ihrer winterlich-weihnachtlichen "Sarabande de Noir".

Die gefühlte Temperatur Nahe dem Gefrierpunkt gesenkt, fühlten sich nun auch Frau Schmitt, Ingo, Sugar und der neue Schlagzeuger Simon Michael auf der Bühne heimisch und schlüpften, vom Jubel der Hundertschaften begleitet, eilig hinter Ihre Instrumente, als auch schon Frau Holle ihren Dienst antrat und so der Schneekönigin einen stimmungsvollen Empfang bereitete.

Erst leise, dann immer stürmische Rieselte Schnee von der Decke und verwandelte die Factory in ein winterliches Wunderland, bei dem sich nicht wenige verwundert die Augen rieben. Uberrannt von den übermächtigen Eindrücken aus orchestralem Bombast und atmosphärischen Showeffekten blieb vielen Fans nur verwundertes Staunen übrig. Das hatte so sicher niemand erwartet!

Passend zum Wechselspiel zwischen Feuer und Eis, folgte auf die frostige Überraschung ein höllischer Ritt auf der heissen Rasierklinge. Feuerland taute mit flotten Rhythmen, eingängigem Refrain und zuckenden Flammenpilzen so manches Fanherz auf und sprengte mit einem riesen Knall jeden noch so dicken Eispanzer.

Apropos Panzer! Was 7 Bühnengeile Subways in knapp 2 Stunden live so alles anstellen können, offenbarte sich anschließend. Frisch und munter tobte sich der Siebener so richtig aus und rockte sich und das Pablukium durch ein stattliches Repertoire aus Titeln von 1995 bis Nord Nord Ost. Wobei letzteres mit Ausnahme von "SOS" (warum?!?!) komplett den Weg in die Show fand. Neben Evergreens, wie "Mephisto", "Ohne Liebe", "Henkersbraut" und den reanimierten Klassikern vom Schlage eines "Traum vom Tod 2" oder dem Gitarren-Schmuckstück "Maria", schafften nur noch 3 Titel von der schwierigen Engelskrieger-LP den Sprung ins Set, wobei "Falscher Heiland", als "Single-in-aller-Munde" immernoch den größten Zuspruch zu finden vermochte.

Während die etablierten Songs vornehmlich als Stimmungskanonen fungierten und "Rätsel II" mit seiner Live-Tauglichen Mitmach-Zeile "schenkt uns einen Schrei" ebenfalls weit oben auf der Richterskala punktete, wusste vor allem ein Song, vom neuen Album, dem Live-Erlebnis Subway to Sally eine völlig neue Dimension zu verleiehen: "Feuerkind":

Zugegeben, als treuer Anhänger der Sieben ist man in Sachen Bühnenshow einiges gewohnt: Von geköpften Teddybären, über Flambierte Holzvertäfelungen, bis hin zu funkensprühenden Stierschädeln wurde schon vieles geboten, aber was hier, beinahe auf leisen Sohlen heranschlich war ganz großes Kino! Ungewollt durch einen Defekt am hechtschen Dudelsack vorgezogen (übrigens der einzigen erkennbaren Panne während des gesamten Gigs) tat man so, als wolle man anstelle von Haughs of Cromdale sowieso gerade etwas ruhigeres Spielen. Einfach weil es gerade so schön passte. Und so dauerte es nicht lange, bis ein massiver, kunstvoll verzierter Polsterstuhl in der Bühnenmitte aufgebaut wurde, auf dem Ingo sein "leises" Lautenspiel "Lacrimae 74" vollführte.

Mucksmäuschenstill war es im Saal, sodass man Sprichwörtlich eine Stecknadel hätte fallen hören können und dann wurde es ernst: Indische Percussionsound (leider aus der Konserve) leiteten fließend zu "Feuerkind" über, der Stuhl wurde umgedreht und ein kaum wahrnehmbarer, durchs Dunkel wischender Schatten, Erics verschwand mit dem Rücken zum Publikum hinter der Lehne. Langsam erhellte sich die Bühne und illuminierte den von gekräuseltem Nebel überzogenen Boden mit bläulich grünem Schimmer, der sich an Erics Füßen brach und sie wie ein eisiger Hauch umspielte.

Von aussen weiter nur schemenhaft wahrnehmbar, ließ der Subway Sänger seine Stimme in zwei melancholisch-traurigen Strophen mit der dichten Atmosphäre verschmelzen, als der Refrain das Geheimnis enthüllte, für dass er sich so sorgsam versteckt gehalten hatte. "Ich bin ein stern aus flüssigem Metall..." sang er jene inhaltvolle Zeile, erhob sich von seinem Stuhl und begann, Hüftaufwärts in eine Rüstung aus Lichtern gehüllt, das Dunkel zu durchtrennen.

Mochte bislang kaum jemand an der Lichtgestalt Eric Fish zweifeln, bot sich nun Gänsehaut pur!

Diesem dramaturgischen Höhepunkt setzte man anschließend mit reichlich Zunder nach. Vom nahezu pausenlosen Einsatz der Gasflammenwerfer, über Funkenfontänen, riesenhafte Lichtmasten, und die martialischen, liebevoll "Flammis" getauften, Handflammenwerfer, dürfte Factory-Betreiber Stefan Pauli in der Vip-Lounge Blut und Wasser darüber geschwitzt haben, was die Potsdamer Brandbeschleuniger heute so alles mit seinem Club anstellten.

Obwohl sich die Band heute für Ihrer eigenen Verhältnisse etwas maulfaul gab und in Punkto Gruppendynamik, Lockerheit und Spontanität noch Tourstartbedingte Defizite mitbrachte, zeigte sich das Publikum sehr angetan von der gebotenen Vielfalt und der Energie mit der die Sieben zu Werke gingen und so forderte es nach knappen 90 Minuten zum ersten Mal Nachschlag!

Wissend um das was sich gehört, ließen Subway sich nicht lange bitten. Dort anknüpfend, wo sie eben mit Veitstanz aufgehört hatten, erweckten Sie zunächst die "Hexe" zu neuem Leben und belegten anschließend die These, daß Rockmusik nicht blöd macht! Im Gegensatz zu manch anderen Gesellen konnte das Magdeburger Volk durchaus bis 7 zählen (wenn auch mit Ansagen :D).

Als etwas unangemessen, bzw. unstimmig empfand ich heute den Abschluß den Konzertes. Vom Publikum vehement gefordert, musste einmal mehr das obligatorische Räuberlied angestimmt werden. Leider jedoch an einer völlig unpassenden Stelle. Eben noch das lustige Einmaleins mit "Sieben" gelernt, hatte die gute alte Julia vor einem Titel wie "Seemanslied" nichts verloren. Denn aufgeputscht von den fröhlichen Folkgesängen verwässerte sich die melancholische Erhabenheit dieses Meisterwerks und degradierte den stolzen Dreimaster beinahe zum knallgrünen Gummibot.

Nichtsdestotrotz konnte man den Auftakt zur Nord Nord Ost Tour ohne weiteres als gelungen bezeichnen. Von größeren Pannen verschont, blieben heute alle Musiker auf ihren Füssen. Lediglich das Publikum, spielte von Song zu Song mitunter Kegelbahn und verlieh seiner Freude ausgelassen Ausdruck.

Starke Atmosphäre, ein Abwechslungsreiches, stilwandelndelndes Set und ein Effektgewitter, welches man derart geballt noch nie von Subway to Sally erleben durfte, zeichneten den Abend aus. Außerdem, schlug sich der erst 21jährige Drummer Simon Michael erneut wie ein ganz großer und bewies dass er die Richtige Wahl für die Nachfolge des mittlerweile blau angelaufenen David Pätsch war. Auf der Negativseite standen dagegen eine gewisse Steifheit im Geiste (kein Wunder bei so vielen Elementen), ein flauer Flöteneinsatz von Eric bei "Sag dem Teufel" und die Krude zusammengewürfelten Zugaben. Zudem mochte sich manch einer vielleicht an den Symbolhaft aufgebauten Lichtmasten stören, die etwas an Schiffsmasten und noch etwas mehr an den Hügel Golgatha erinnerten.

Für Fans und unmittelbar Beteiligte begann nach kanpp 2 Stunden aufreibender Unterhaltung der Kehraus bzw. ein kurzer Abstecher auf das gesellige After-Show Merchandise-Meeting mit der Band. Der sich 6 7tel von Subway to Sally ausgiebig hingaben.

Irgendwann um kurz nach Mitternacht waren die wichtigsten Gedanken ausgetauscht und so machte ich mich allmählich auf den Heimweg. Die erste Neugierde auf die frisch eröffnete Tour befriedigt, freue ich mich schon auf Mittwoch, wenn es im Capitol Hannover und vielleicht seit ihr dann ja auch mit dabei, wenn es wieder heisst: "Blut Blut Räuber saufen Blut..."

Bis bald,

Euer Ritti!

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