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2006 - Hannover
Veröffentlicht am 11.04.2006 von Ritti | Aufrufe: 144
13.04.2006 - Subway to Sally „Nackt“ - Hannover Capitol

Hallo

liebe Freunde und willkommen zum zweiten Teil des Subway to Sally Akustiktour-Berichts, nun aus Hannover: Nachdem die vorübergehend zum Oktett angewachsenen Potsdamer inzwischen ihre erste Woche ohne Strom erfolgreich hinter sich gebracht haben und die Lobeshymnen über ihr neues musikalisches Gewandt nicht abzureissen scheinen, war auch die Stadt an der Leine im wahrsten Sinne des Wortes "Tierisch" gespannt, was denn im Fall von Subway to Sally so alles unter dem Begriff "Akustik" zu verstehen sei. Als einer der größten Spielorte der Tour (das Capitol fasst voll besetzt ca. 1800 Leute) und eine traditionelle Subway to Sally Hochburg (Hannover ist Stammsitz des Fanclubs "Sallys Jünger"), stand in jedem Fall ein interessanter Abend ins Haus, der nur allzu offensichtlich für rege Neugierde unter den Besuchern sorgte.

Als ich knappe 5 Minuten vor Einlass aus der Tiefgarage unter dem Capitol in nichtsahnend in Richtung Eingang schlenderte, zuckte ich innerlich schon das erste mal zusammen. Offen gestanden, auch auf der letzten Tour, speziell beim Konzert in Braunschweig, hatten sich schon imposante Fanschlangen vor den Eingängen gebildet, aber was hier heute abging, war ein Bild für die Götter! Trotz der frühen Stunde schlängelte sich das Menschenmeer schätzungsweise von der Ihme bis ins Stadtzentrum und vor dem verschlossenen Eingang des Capitols drückten sich die ersten Fans Ihre Nasen platt. Hätte ich es nicht besser gewusst, hätte man meinen können dass heute ein Konzert von Tokio Hotel anstatt von Subway to Sally auf dem Programm stehen würde. Und das war erst der Anfang!

Mit einem lauten Schnalz wurde die Tür von innen geöffnet. Ein Raunen ging durch die Menge und prompt wühlte sich eine wilde Raubtierhorde ins Capitol. Dabei liess man dem Sicherheitspersonal nicht mal genug Zeit um auch noch den zweiten Türflügel zu öffnen, welcher wenig später, unter Aufbringung aller Kräfte donnernd gegen die Aussenverkleidung prallte. Szenen, wie zumindest ich sie vor einem Subway to Sally Konzert SO noch nicht erlebt habe. Die Schlacht ums kalte Buffet war damit eröffnet und es blieb nur die Flucht nach Vorn.

Während sich die Löwenbande irgendwo innerhalb und oberhalb des Saales verteilte, nutzte ich die Gelegenheit um Plattenreiter NeMi mein Aufwartung zu machen. Der bekannte Hannoveraner Szene DJ (u. a. New Wave Night) war zur freudigen Überraschung des Tages für eine spontane Aftershowparty rekrutiert worden und beobachtete von seiner Kanzel aus interessiert das Geschen um ihn herum.

Ähnlich wie in Magdeburg verstrichen vom Einlass bis zum Konzertbeginn knapp anderthalb Stunden. Da man auch heute bewusst auf einen Support-Act verzichtet hatte, wartete die gewohnt geräumige Capitol-Bühne bereits fertig bestückt darauf bespielt zu werden.

Gegen 20:30 Uhr war es dann auch so weit: Das Publikum vorne im Saal und auf den erhöhten Rängen hatte das Capitol fast an die Kapazitätsgrenze gefüllt und konnte es kaum erwarten, als plötzlich die ersten Lichter hinter der Bühnenbestuhlung aufblendeten und nach einer Schweigeminute in bläulich rotem Verhang, Sugar Ray mit seiner Bassgitarre die Vorstellung eröffnete. Nach und Nach enterten nun alle 8 die Bühne, setzten sich und liessen zum Jubel der Massen Noten sprechen.

Das Hannoveraner Konzert begann erneut mit "Böses Erwachen", gefolgt von "Das Rätsel", dem formvollendeten Dreistrophen-"Minne", "Ein Baum" und dem immer wieder gerne gehörten, für allgemeinen Sangespegel sorgenden "Horo". So weit so bekannt. Dann jedoch begann der Abend seinen eigenen, um nicht zu sagen eigenwilligen Pfad einzuschlagen.

Nach einer Woche auf Tour hatte die Band ihre Eingewöhnungsphase längst überwunden und so ergriff Eric das Wort, um einen Herren vorzustellen "Ohne den wir alle heute nicht hier wären, am Cello: B "PUNKT" Deutung!" Außerdem brannte dem Frontmann ein Song unter den Nägeln, der ngeblich "gestern in Köln der Absolute Renner war", "Der Hofnarr". Nundenn liebe Närrinnen und Narrhalesen, der Karneval ist zwar gerade erst vorbei, aber was ein echter Jeck sein will, der hat das ganze jahr über an dieser Band seinen Narren gefressen. Somit durfte auch Hannover heute am musikalischen Wackelpeter schnuppern, bevor, man höre und staune mit "Sieben" bereits das "siebte Lied" (Danke, Simon!) vom Stapel lief. Auch hier gab es wieder etwas hinzuzulernen: Während der gewöhnliche Metaller mit zwei gespitzten Fingern grüsst, haben Subwayfans bitte demnächst nur noch mit 7 Fingern zu grüßen. Anordnung von oben! ;)

Als nächstes folgte eine kleine Instrumentenkunde: "Ingo am Ud" verkündete Eric wissend. Was er nicht wusste, welcher Artikel dazu gehört! "Der, die das Ud?", ja was denn nun? Selbst Bodenski als germanistischer Master of the Universe wollte sich nicht so recht festlegen". Wie gut, dass es Pragmatiker wie Simon gibt: "Det Ud" drosch er seitwärts in die Runde und schon war des Rätsels Lösung gefunden. Ein Hoch auf den vierten Artikel: der, die, das und "det"!

Wie ihr unschwer erahnen könnte, war Spaß mal wieder Trumpf im Capitol, und diese Stimmung übertrug sich gleichermassen auf das Publikum. Selbst ohne Metalbrett feierte hier der Mob und liess sich von "Rätsel II" und "Mephisto" gerne mitreissen. Nachdem selbst oben auf dem Balkon noch bis in die hinteren Reihen Fans standen, dauerte es nicht lange, bis die ganze Balustrade wippte und federte, wie ein Schiffsdeck bei Windstärke 10. Es war schon faszinierend zu hören, wie viel Druck Subway to Sally allein mit ihren Kompositionen erzeugten und damit bewiesen, dass ein guter Song keine Verstärkung braucht, um die Massen zu elektrisieren.

Ein echtes Highlight des Abend war auch wieder Sanctus: "Offenbar hat es ein Problem bei der Informationsübermittelung gegeben", wendete sich Bodenski zunächst ans Publikum. "Ihr solltet alle eure Gesangsbücher mitbringen!". Entsetzen und Staunen im Saal als Bodenski, Eric und Simon tatsächlich ihre Gesangbücher hervorkramten und gleichzeitig Aufschlugen. "Also wer jetzt kein Buch dabei hat, guckt bitte beim Nachbarn rein, Psalm 443!" ("Nicht, schon wieder!")

"Sanctus" wirkte inmitten der weitläufigen Kulisse beinahe beängstigend sakral, obwohl ich der Meinung bin das Stück schon sauberer gesungen gehört zu haben, projizierte sich das Gefühl der inneren Ruhe auf das Publikum und für einen Moment wurde es Mucksmäuschenstill im Saal, bis Eric mit einem stillen "Amen" den begeisterten Jubel entriegelte.

Nicht wirklich falsch dürfte "El Fish" auch bei seiner Einschätzung des Liebeszaubers gelegen haben: "Dieses Stück haben wir so oft gespielt, dass der Zauber inwischen gewirkt haben dürfte und ihr euch rettungslos in uns verliebt habt!".

Jepp, kann man so unterschreiben. Ohnehin hatte sich das Konzert inzwischen verselbständigt. Launige Sangesfreudigkeit allerorts und dann gehen noch bei einen Song wie der Arche mit einem Schlag die Lichter aus. Geisterstunde oder steckte mehr dahinter? Plötzlich begann ein Licht in Erics Hand zu flackern, rotes Rampenlicht dimmte auf und schon enthüllte sich das süsse geheimnis: Für die hintere Musikerriege verdeckt, hielt Eric ein kleines kerzenbeleuchtetes Päckchen in der Hand und begann zu erzählen: "Einer von uns hat heute Geburtstag, einer unserer besten, unser Jüngster: Simon Michael!" Dann drehte er sich um und überreichte das Präsent an seinen jungen Kollegen. Sichtlich gerührt nahm der Drummer sein Geschenk entgegen und zeichnete das nachfolgende Ständchen zu seinen Ehren peinlich genau mit der Videokamera auf. Ein grosser Moment, den er sicher nicht alle Tage erlebt. Soviel stand mal fest!

Als ungewöhnlich, ja geradezu skurril entpuppte sich auch die "Aufführung" der Braut und ihres Bräutigams. "Der Text des folgenden Liedes ist so cheauvinistisch, dass sich Simons Gehirn seit Jahren weigert ihn zu behalten" erklärte Bodenski, als Simon auch schon sein fangestiftetes Textbuch hinterm Schemel hervorholte auf dem mit grossen Lettern die Worte "Subway to Sally" geschrieben waren. Als wenn der Song nicht schon genug Temperament mitbrachte, erinnerte sich Simon plötzlich an ein längst vergessenes Tanzritual, was in grauer Vorzeit desöfteren dargeboten wurde (kann mich nicht dran erinnern das schon jemals gesehn zu haben). Aus heiterem Himmel sprang Simon von seinem Stuhl, klemmte das Buch unter den Arm und hüpfte zappelnd die Bühnenkante entlang, während Publikum und Bandkollegen prustend nach Luft rangen. (Aufhören, ich kann nicht mehr!)

Gerade noch die letzte Träne aus dem Augenwinkel gewischt, nahte schon mit riesen Schritten das Ende. Erfreulicherweise ließ sich Hannover recht gut in Carrickfergus einbauen und so kam das Capitol-Publikum zügig in den Genuss der Zugaben. "Schlaflied", jüngst als Live-Premiere gefeiert, stellte so den "Versuch eines jungen Mannes dar, ein junges Mädchen zum Geschlechtsverkehr zu überreden" (danke für die Erläuterung, Bodi) und wenn "Julia mit den Räubern" spielt ist traditionell immer Polen offen. Abermals schaukelte der Balkon bedrohlich und man stellte sich langsam die Frage, wie lang das wohl noch gut gehen würde. Zum Glück beschlossen mit Feuerkind und Seemannslied zwei ruhige Nummern den Abend, die nach all dem Klamauk noch einmal für knisternde Atmosphäre sorgen wollten. Ein Hoch auf die "angeschwollene Streicherfraktion" und "Eric an allem was geblasen wird"! Was für ein Spass!

Nach satten zweieinhalb Stunden und dennoch viel zu früh, nahmen Subway to Sally gemeinsam an der Bühnenkante Aufstellung und verabschiedeten sich von ihrem Publikum. Wie im Flug war die Zeit verstrichen und von Bedürfnisbefriedigung konnte kaum die Rede sein. Am liebsten hätte man das Konzert zurückgespult und von vorne laufen lassen. Zu sehr war man von der Materie gefangen, ja verzaubert möchte man sagen. Stimmung, Unterhaltung, Atmosphäre, das alles stand heute im einvernehmlichen Gleichgewicht und vermischte sich zu einer intensiven Expedition durch das Reich der Emotionen.

Mit dem Abgang der Band schlug im Anschluss die Stunde Null für NeMis Aftershowparty. Wohlwissen um die Vorlieben seiner zu beschallenden Klientel setzte er muskalisch voll auf Mittelalter- und die gesamt NDH-Riege. Rammstein, Subway, In Extremo und schon bebte die Tanzfläche. Wenig später mischte sich auch die Band noch feierlaunig unters Volk. Vor allem Simon Michael durfte hier als Geburtstagskind des Tages noch einige Hände schütteln.

Abschließend bleibt festzustellen, dass Subway to Sally in Hannover den hoch gesteckten Erwartungen an die längst überfällige Akustiktour bravourös gerecht wurden. Während die Songauswahl nicht wenige Überrascht haben dürfte, gelang es dem Achter Heavy Metal in Heavy Akustik zu verwandeln und dabei die Seele der Songs nicht zu verleugnen. Vielmehr kam sie dadurch nicht selten erst gänzlich zum Vorschein! Da die Akustiktour vermutlich eine einmalige Sache bleiben wird, ist es um so beruhigender zu wissen, dass diese kostbaren Momente nicht verloren gehen und die Erinnerung an diese besondere Station im Schaffen von Subway to Sally sich schon bald in die heimischen Wohnzimmer überträgt.

Bis dann,

Euer Ritti

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